Etappe 29 Teil 2: Aufenthalt in Aachen

Datum: Freitag, 22. Juni abends bis Dienstag, 26. Juni morgens


Der Westpark in Aachen

Ich genoss nach der langen Etappe den lauen Sommerabend mit meiner Gastgeberin Nathalie und einem Bekannten von ihr im nahen Westpark.
Mit Aachen hatte ich die letzte Station vor dem Grenzübertritt erreicht und einen Großteil des Weges hinter mir. So bedankte ich mich bei den Spirits mit einer Pfeifenzeremonie für Schutz und Unterstützung auf dem bisherigen Weg.
 

Das Fernsehen kommt auf mich zu

In Aachen wuchs das öffentliche Interesse: Die Redaktion der WDR Lokalzeit Aachen wollte einen Fernsehbeitrag über meine Wanderung machen. So begleiteten sie mich zum Dom und interviewten mich und einige Passanten. Wir standen am Bronzemodell des Doms, das es Blinden und Sehbehinderten ermöglicht, sich ein Bild von dem Bauwerk zu machen. (Im Bericht über Rothenburg habe ich bereits von den Künstlern erzählt, die diese Modelle erstellen.)
Die Anmoderation zu dem Beitrag, die später im Fernsehen lief, klang so:
„Die in Brüssel sehen nicht, was schief läuft“ sagt einer, der selbst kaum noch was sehen kann. Er hat sich auf den Weg gemacht, um als Blinder den Europa-Politikern die Augen zu öffnen.
Gut, unsere Kicker gestern Abend, die sind schon beachtlich rumgelaufen aufm Platz, Respekt. – Aber, mit Verlaub, nichts gegen Stefan Nathan Lange: 900 Kilometer hat er sich vorgenommen, dabei ist er gar kein Fußballspieler und: Stefan Nathan Lange ist nahezu blind.
Vom Chiemgau bis nach Brüssel will er laufen, um mit den EU-Parlamentariern zu sprechen. Heute, nach 750 Kilometern strammen Fußmarsches, war Aachen sein Ziel.“
 
Ein zweites Team – diesmal von 3sat – hatte ebenfalls angefragt und fuhr am nächsten Tag mit mir zu einem Feldweg außerhalb der Stadt. Der Kameramann saß im offenen Kofferraum eines Kombis, während ich hinter dem Wagen herging und die Fragen beantwortete.
Der Beitrag wurde später zwar nicht ausgestrahlt – aber die Erfahrung selbst war eindrücklich genug.
 
Der siebzigjährige Wolfram hatte mich per Email kontaktiert und angeboten, mich bei Bedarf in der Region mit seinem Kleinbus zu fahren. Das gab mir die Gelegenheit, mich in Bonn mit meiner Nichte Anna-Lena zu treffen, die trotz knapper Zeit extra mit dem Zug aus Leichlingen, meiner alten Heimat, gekommen war.
 

Thermalquellen und Bad Aachen

Das wusste ich nicht: Aachen gehört zu den ältesten Kurorten Europas. Die heißen Quellen der Stadt wurden bereits von den Römern genutzt, die hier Badeanlagen errichteten und den Ort als Aquae Granni bezeichneten.
Das Thermalwasser tritt in Aachen mit ungewöhnlich hoher Temperatur an die Oberfläche – an manchen Stellen über 70 Grad Celsius. Es speist bis heute verschiedene Brunnen und Bäder im Stadtgebiet, wie etwa die Carolus Thermen, die bis heute mit Thermalwasser aus der Rosenquelle (47 °C) versorgt werden.
Die Stadt verzichtet auf die Bezeichnung „Bad Aachen“, da sie dann in Listen und Verzeichnissen nicht mehr an erster Stelle genannt würde.

Brunnen „Kreislauf des Geldes“ in Aachen mit mehreren Bronzefiguren um ein rundes Wasserbecken

Neben dem Elisenbrunnen, einem der Wahrzeichen Aachens, finde ich den „Kreislauf des Geldes“ des Bildhauers Karl-Henning Seemann an der Ecke Hartmannstraße/Ursulinerstraße besonders interessant: Die sechs Bronzefiguren am Brunnenrand zeigen den Umgang mit Geld, die Kreiselbewegung des Wassers steht für den beständigen Fluss des Geldes.
 

Der Dom zu Aachen – Symbol der Macht und des Zentrums

Innenraum des Aachener Doms mit Blick in das oktogonale Zentrum unter der Kuppel
Der von Karl dem Großen erbaute Dom zeigt durch die innere Raumgestaltung als Achteck (Oktogon), worum es geht: Die Ausrichtung auf die Mitte. Karl der Große wollte ein neues Zentrum schaffen, ein „Rom des Nordens“.
Im Mittelalter hatte die Zahl 8 eine klare Symbolik:
7 = Welt (Schöpfungstage)
8 = Übergang, Neubeginn, jenseits der Welt.
Mein letzter Stopp in Deutschland war also das ehemalige Zentrum Europas. Und nun schickte ich mich an, zum gegenwärtigen Zentrum Europas weiterzugehen.