
Datum: Donnerstag, 24. Mai 2012
Strecke: 16 km
Bis Mönchsdeggingen mit dem Auto, dann über Merzingen nach Nördlingen.
Im Buch: Kapitel 6,, Seite 35
Mit dieser Etappe betrat ich eine Landschaft, die buchstäblich vom Himmel gefallen ist.
Das Nördlinger Ries entstand vor rund 14,6 Millionen Jahren durch den Einschlag eines Meteoriten mit etwa einem Kilometer Durchmesser. Die Explosion entsprach mehreren hunderttausend Hiroshima-Bomben. Gestein wurde aufgeschmolzen, verdampft und kilometerweit hinausgeschleudert.
Zurück blieb ein Krater von etwa 25 Kilometern Durchmesser.
Noch heute erkennt man vom erhöhten Rand aus die nahezu kreisrunde Struktur. Das Ries ist eines der besterhaltenen Einschlagbecken Europas – und geologisch weltweit erforscht. Sogar Astronauten der Apollo-Missionen trainierten hier in den 1960er Jahren, weil das Gestein Ähnlichkeiten mit Mondgestein aufweist.
Hier geht man nicht einfach durch eine Landschaft.
Man geht durch ein kosmisches Archiv.
Der Name verweist auf klösterliche Ursprünge – „Deggingen“ taucht bereits im frühen Mittelalter in Urkunden auf. Über Jahrhunderte prägten geistliche Grundherrschaften die Region.
Heute ist Mönchsdeggingen ein ruhiger Ort am Riesrand – bäuerlich strukturiert, mit weitem Blick in die Ebene. Von hier aus lässt sich die leichte Wölbung des Kraters erahnen.
Um die durch die Ruhepause „verlorenen“ Etappen auszugleichen, hatte mich Peter hierhergefahren. Und nun hieß es vom neuen Freund Abschied nehmen und weitergehen.
Merzingen liegt etwas erhöht am Riesrand. Von hier aus spürt man bereits deutlicher, dass das Nördlinger Ries kein gewöhnliches Becken ist, sondern vor rund 15 Millionen Jahren durch einen Meteoriteneinschlag entstand.
Hier tritt das besondere Gestein der Region zutage: Suevit, ein Impaktgestein – entstanden aus dem beim Einschlag aufgeschmolzenen Material. Es enthält Glaspartikel, sogenannte Moldavite und Schockquarze – mineralogische Spuren einer Explosion von gewaltigem Ausmaß. Dieses Gestein wurde später zum Baumaterial der Region. Nördlingen ist also aus Sternenstaub gebaut.
Nördlingen ist eine der wenigen Städte Deutschlands, deren vollständig erhaltene mittelalterliche Stadtmauer noch begehbar ist – rund 2,7 Kilometer lang, mit 15 Türmen und fünf Toren.
Die Stadt wurde erstmals 898 urkundlich erwähnt und entwickelte sich im Mittelalter zu einer bedeutenden Freien Reichsstadt. Ihre Lage an wichtigen Handelsrouten brachte Wohlstand. Davon zeugen das Rathaus aus dem 14. Jahrhundert, die imposante Hallenkirche St. Georg und prächtige Patrizierhäuser

Der Turm von St. Georg – „Daniel“ genannt – ist 90 Meter hoch und bis heute von Turmwächtern besetzt. Ursprünglich dienten sie der Brandwache. Heute ist es eine traditionsreiche Besonderheit: Jede Nacht ruft der Turmwächter zur vollen Stunde seinen Ruf in die Stadt.
Ein geplantes Treffen mit einem der fünf Turmwächter kam leider nicht zustande. Er und seine Frau gelten in Nördlingen als gut vernetzt, sogar „per Du“ mit dem Bürgermeister. Seine Schwester – eine Bekannte aus dem Chiemgau – wollte es arrangieren. Vielleicht war dieser Abschnitt der Reise tatsächlich nicht für große Öffentlichkeit gedacht – wie mir eine Astrologin einen Tag vor der Abreise prophezeit hatte.
In Nördlingen übernachtete ich bei meinem ersten Couchsurfing-Gastgeber, Rüdiger Böcking.
Rüdiger bewegt sich beruflich in einer Welt, die ebenfalls mit Geschichte zu tun hat – allerdings auf vier Rädern.
Sein Tätigkeitsfeld umfasst:
• Fahrzeugbeschaffung
• Kaufberatung
• Restaurationsbegleitung
• Sammlungsbetreuung
• diskreter Verkauf von Klassikern
Mit über 45 Jahren Erfahrung in der Oldtimerei ist er europaweit mit Spezialisten vernetzt. Er prüft Fahrzeuge vor Ort oder organisiert Begutachtungen weltweit.
Nach Peter und seinem selbst restaurierten Fiat war es sicher kein Zufall, nun bei jemandem zu landen, der beruflich mit automobilen Klassikern arbeitet. Einfach die Logik eines Weges, der Menschen mit ähnlicher Frequenz zusammenführt.