Etappe 3: Kirchseeon → München-Bogenhausen

Datum: Donnerstag, 17. Mai 2012
Strecke: 24 km, davon 18 gelaufen
über Zorneding, Vaterstätten, Haar, Trudering, Leuchtenbergring.
Im Buch findest Du diese Etappe in Kapitel 4 auf Seite 25.


Der Weg nach München begann unspektakulär – und doch war er ein Übergang. Zunächst führte er entlang der Wasserburger Landstraße, auf ruhigen Fuß- und Radwegen. Die Landschaft wurde allmählich dichter, die Bebauung häufiger, der Verkehr spürbarer. Aus dem Hügelland wurde Vorstadt.
Manches blieb schlicht und monoton, anderes erforderte Aufmerksamkeit. Neue Straßenführungen, Unterführungen und Veränderungen im Stadtbereich waren noch nicht in den Navigationsdaten verzeichnet. Am S-Bahnhof Berg am Laim stand ich kurz orientierungslos – bis unverhofft Hilfe auftauchte: Mein Freund Rainer war gerade angekommen und hatte mich wie selbstverständlich gefunden.
So führte mich diese Etappe Schritt für Schritt aus der offenen Landschaft hinein in den Raum der Großstadt – und zugleich durch vertraute Begegnungen und überraschende Fügungen.

An der Route

Zorneding – Tor zum Ebersberger Forst

Bild: Ortsbild von Zorneding mit Maibaum und Kirche
Zorneding liegt östlich von München im Landkreis Ebersberg – eingebettet zwischen offener Hügellandschaft und dem mächtigen Ebersberger Forst. An dessen Rand finden sich noch heute Hügelgräber aus der Bronzezeit.
Für die Menschen der Bronzezeit waren diese Hügel keine „Friedhöfe“ im heutigen Sinne. Sie waren dauerhafte Zeichen der Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten. Man ging davon aus, dass die Verstorbenen weiterhin Teil der Gemeinschaft waren – nicht sichtbar, aber anwesend. Deshalb wurden die Hügel bewusst sichtbar angelegt. Der Hügel selbst war ein Zeichen: Hier ist jemand. Hier bleibt jemand.
In Zorneding und den umliegenden Gemeinden hat sich in den letzten Jahren ein Carsharing-Modell etabliert - die Zornedinger Auto-Teiler e.V. Mehrere Fahrzeuge stehen den Bürgerinnen und Bürgern gemeinschaftlich zur Verfügung und können bei Bedarf ausgeliehen werden. Dieses Konzept ermöglicht individuelle Mobilität, ohne dass jeder ein eigenes Auto besitzen muss. Es spart Ressourcen, reduziert Verkehr und stärkt gleichzeitig das Verantwortungsgefühl für gemeinschaftlich genutzte Güter.
Gerade in ländlich geprägten Regionen wie hier zeigt sich, dass neue Formen des Miteinanders entstehen. Mobilität wird nicht mehr nur als individuelle Notwendigkeit verstanden, sondern als gemeinsame Aufgabe.

Vaterstätten

Bild: Vaterstätten
Vaterstetten entstand vor über tausend Jahren als Rodungssiedlung am Rand des großen Ebersberger Forsts. Aus dem kleinen Bauerndorf entwickelte sich erst in den letzten Jahrzehnten eine große Gemeinde am östlichen Rand Münchens. Noch heute ist dieser Übergang spürbar: Hier endet langsam die offene Landschaft, und der Weg führt weiter in Richtung der Großstadt.
Viele großzügige, locker bebaute Wohngrundstücke mit großen Gärten geben der Gemeinde den Charakter einer Gartenstadt. Dazu passt auch, dass sich Vaterstätten bemüht, zur „Fahrradfreundliche Kommune“ zu werden. Und auch hier gibt es schon lange einen Carsharing-Verein, der das Modell in der ganzen Region initiiert hat.
Seit 1989 findet in Vaterstetten im Herbst eines jeden Jahres einer der schönsten Töpfermärkte Bayerns statt. Mehr als 100 Keramiker aus ganz Deutschland, Österreich und Belgien präsentieren hier ihre Produkte. Der Reiz, der von diesem letzten wirklichen „Handwerk“ ausgeht, ist ungebrochen. Vorführungen auf der Töpferscheibe oder beim Raku-Brennen ergänzen das umfassende Warenangebot, das alle keramischen Techniken einschließt. Selten wird man soviel Kreativität und Fantasie an einem Ort so geballt sehen wie auf dem Vaterstettener Töpfermarkt. Das kann ich nur bestätigen: Ende der 90er Jahre war ich mit meiner Familie immer wieder gerne dort.

Haar – Vom Bauerndorf zum Ort der Begegnung und Heilung

Bild: Haar
Haar entstand vor über tausend Jahren entlang der alten Handelsstraße von München nach Wasserburg – der heutigen Wasserburger Landstraße. Wer heute entlang dieser Straße geht, folgt einem Weg, den Menschen seit vielen Generationen nutzen.
Über Jahrhunderte war es ein kleines Dorf am Rand der Stadt. Erst im 20. Jahrhundert entwickelte sich Haar zu einer größeren Gemeinde, besonders geprägt durch die Gründung der großen Heil- und Pflegeanstalt, heute das Isar-Amper-Klinikum. Die Anlage wurde bewusst außerhalb der Großstadt gebaut – ruhig, im Grünen, mit viel Raum und Licht. Man ging damals davon aus, dass Natur und Ruhe die Heilung unterstützen.
Wir sind damals gerne in das thailändische Restaurant Rambutan gegangen…

Waldtrudering und Trudering – Orte meines Lebens

Bevor ich München erreichte, machte ich in Waldtrudering Halt bei meinem früheren Nachbarn Ernst Voit. Er betreibt dort noch immer seinen Catering- und Partyservice – im Einklang mit der Natur (voit-services.de). Bei einer Tasse Kaffee tauschten wir Erinnerungen aus. Es war ein besonderes Gefühl, auf meiner Wanderung nicht nur Orte, sondern auch Menschen aus früheren Lebensabschnitten wiederzutreffen.
Nur wenig später kam ich in Trudering fast an dem Grundstück vorbei, auf dem wir in den 1990er Jahren die „Wohngemeinschaft auf Sozialer Basis (WGSB)“ geplant hatten. Die Vision einer gemeinschaftlichen, solidarischen Lebensform hatte uns damals bewegt. Nun ging ich als Wanderer daran vorbei – mit etwas Abstand, mit neuen Erfahrungen, aber mit denselben Fragen nach Gemeinschaft und Miteinander.
Manche Wege führen nicht nur durch Landschaften, sondern auch durch die eigene Geschichte.

Ankunft in München-Bogenhausen

Als ich schließlich München-Bogenhausen erreichte, veränderte sich die Atmosphäre spürbar. Der Verkehr wurde dichter, die Geräusche vielfältiger. Zwischen Straßenbahnen, Unterführungen und Kreuzungen zeigte sich, dass Orientierung hier eine neue Qualität annahm. Nicht nur das Navigationsgerät war gefordert – auch Aufmerksamkeit, Vertrauen und Gelassenheit.