Etappe 21: Frankfurt am Main → Königstein im Taunus

Die Burg Königstein im Taunus

Datum: Montag, 11. Juni 2012
Route: Frankfurt → Königstein
Strecke: 20 km, davon 7,4 gelaufen
Im Buch: Kapitel 9, Seite 57


Als ich mich am Montag wieder auf den Weg gemacht hatte, veränderte sich nach einer Weile der Untergrund, was ich daran merkte, dass der Langstock nicht mehr so leicht über den Weg glitt. Doch unter den Füßen hatte sich eigentlich nichts verändert, also tastete ich nach dem Ende des Stocks und erschrak: Die Tastspitze, eine Kugel, war weg! Der Stock rieb mit dem Gummipuffer auf dem Weg, wodurch von Gleiten keine Rede mehr sein konnte.
So stand ich da im Regen (im doppelten Wortsinn) und fluchte leise vor mich hin. Was mach‘ ich nun? Mit diesem Widerstand des Gummipuffers kann ich unmöglich weitergehen. Bleibe ich in Frankfurt, um eine neue Kugel oder einen neuen Stock zu bestellen? – Nein, das auf keinen Fall! Morgen in Wiesbaden wird extra eine Veranstaltung mit mir organisiert.
Da besann ich mich auf die gute Begleitung meiner Wanderung aus der Geistigen Welt. Ich atmete dreimal tief durch und bat darum, dass mir ein Engel geschickt wird, der die Kugel sucht und mir weiterhilft. Plan B für den Fall, dass die Kugel verschwunden bleibt, war: mit dem Zug nach Königstein zu fahren und beim Hilfsmittelversand eine Ersatzkugel zu bestellen.
Wenige Minuten später sprach mich eine junge Frau an, ob sie mir helfen könne. Ich erklärte ihr die Situation und sie machte sich sogleich auf die Suche nach dem Ding, das nach 360 Kilometern auf verschiedensten Untergründen sich einfach gelöst hatte und weggesprungen war… Doch sie blieb erfolglos – vermutlich war die Kugel tatsächlich in den anderthalb Meter entfernten Main gerollt... Also Plan B: Zum Bahnhof.
Manchmal zwingt einen der Weg, loszulassen – in meinem Fall ganz konkret die Tastkugel meines Langstocks.
Und so wurde aus einer geplanten Wanderetappe eine Zugfahrt.
Doch vielleicht passte gerade das: Der Übergang aus der dichten Ebene Frankfurts hinauf in den Taunus war weniger ein Schritt als ein Sprung.

An der Route

Königstein im Taunus – zwischen Burg, Luft und Weitblick

Königstein liegt am Rand des Taunus und markiert spürbar den Übergang aus dem dicht besiedelten Rhein-Main-Gebiet in eine ruhigere, waldreiche Mittelgebirgslandschaft. Nach den Tagen zwischen Straßen, Orten und der zunehmenden Verdichtung rund um Frankfurt öffnet sich hier der Raum wieder: Hügel, Wälder und klare Luft prägen das Bild. Schon die Lage auf etwa 400 Metern Höhe sorgt dafür, dass man Abstand gewinnt – nicht nur geografisch, sondern auch innerlich.
Das Wahrzeichen der Stadt ist die Burgruine Königstein, eine der größten Burgruinen Deutschlands. Sie erhebt sich weithin sichtbar über der Stadt und geht auf eine mittelalterliche Höhenburg zurück, die über Jahrhunderte hinweg erweitert und befestigt wurde. Im 18. Jahrhundert wurde die Anlage zerstört, doch ihre mächtigen Mauern sind bis heute erhalten geblieben. Von oben bietet sich ein weiter Blick über die Rhein-Main-Ebene bis hin zur Skyline von Frankfurt. Dieser Blick verbindet auf besondere Weise zwei Welten: unten die moderne Finanzmetropole, oben die stille, alte Festung – ein Kontrast, der den Charakter dieses Ortes treffend beschreibt.
Bei näherem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass auch dieser Ort einmal ein Zentrum von Macht und Verdichtung war – nur in einer anderen Zeit und unter anderen Vorzeichen. Wo heute Ruinen und Aussicht sind, befand sich einst eine strategisch wichtige Anlage, in der militärische, politische und wirtschaftliche Interessen gebündelt wurden. Die Burg war Schutz, Kontrolle und Machtsymbol zugleich.
So spiegelt sich hier ein zeitübergreifendes Muster: Verdichtung ist kein Phänomen der Moderne. Sie verändert nur ihre Form. Was früher in massiven Mauern auf einem Berg zusammenlief, konzentriert sich heute in Banken, Institutionen und Netzwerken in der Ebene.
Königstein war lange Zeit ein bedeutender Kurort. Vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert kamen Menschen hierher, um sich zu erholen und neue Kraft zu schöpfen. Die klare, vergleichsweise kühle Taunusluft galt als gesundheitsfördernd, insbesondere für Atemwegserkrankungen. Auch heute ist dieser ruhige, entschleunigte Charakter noch spürbar. Trotz der Nähe zu Frankfurt wirkt Königstein vielerorts gelassen und zurückgenommen – ein Ort, der weniger von Tempo als von Ausblick lebt.
Gerade im Zusammenhang mit dieser Etappe bekommt der Ort eine zusätzliche Bedeutung. Der Weg führte aus einer Region, in der sich wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Dynamiken verdichten, hinauf in eine Landschaft, die Abstand ermöglicht. Auch wenn ich diesen Abschnitt nicht zu Fuß, sondern mit dem Zug zurückgelegt habe, blieb dieser Übergang deutlich spürbar.


Erster Pressebericht

Im E-Mail-Postfach fand ich eine Nachricht von der jungen Journalistin aus Bad Mergendheim vor: Ihr Artikel über mich ist heute erschienen!
Zu Fuß von Oberbayern nach Brüssel (Fränkische Nachrichten, 11.06.2012)
Der Bericht zeichnet meinen bisherigen Weg nach – von den ersten Schritten am Chiemsee über die Begegnungen unterwegs bis hin zu den Beweggründen meiner Reise. Dabei geht es nicht nur um die Strecke, sondern auch um die Idee dahinter: Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen und neue Formen von Gemeinschaft sichtbar zu machen.
Für mich war dieser Artikel ein besonderer Moment. Zum ersten Mal wurde die Wanderung nicht nur von mir selbst erzählt, sondern von außen gespiegelt – und bekam damit eine neue Realität.