Etappe 25: Pohl → Koblenz

Das Deutsche Eck in Koblenz

Datum: Freitag, 15. Juni 2012
Route: Pohl → Braubach → Lahnstein → Koblenz
Strecke: 26 km, davon 13,5 gelaufen
Im Buch: Kapitel 9, Seite 61


Mit Langstock und Gepäcktrolli auf dem Gehweg in Braubach am Rhein bei Regen

Karl-Heinz brachte mich nach Braubach am Rhein, weil die direkte Strecke dorthin über eine stark befahrene, kurvenreiche Straße ohne sicheren Fußweg geführt hätte. Von dort ging es zunächst nicht am Rhein entlang, sondern auf Koblenz zu. Das Navi wollte mich allerdings ständig zu einer Rheinfähre rheinabwärts lotsen, weil der Fuß- und Radweg über die Horchheimer Eisenbahnbrücke in seinen Daten offenbar nicht verzeichnet war.
Schließlich kam mir meine Gastgeberin Julia – der Engel aus Frankfurt – zum Anfang der Brücke entgegen.
An dieser Stelle sollte dder Weg zum Ziel in Koblenz inzwischen 47 Kilometer betragen, davon 16 km an der B42 am Rhein entlang. Kaum waren wir auf der anderen Seite waren es nur noch 2,9 Kilometer…

An der Route

Blick von Braubach auf die Marksburg

Braubach – Übergang vom Taunus ins Rheintal

Braubach liegt am rechten Ufer des Rheins etwa zehn Kilometer südlich von Koblenz, dort wo der Mühlbach zwei tiefe Täler in das Rheinische Schiefergebirge eingeschnitten hat. Diese Täler sorgen zum einen dafür, dass hier Straßen vom Rhein zu den umliegenden Ortschaften im Taunus gebaut werden konnten, zum anderen umschließt eines dieser Täler fast von allen Seiten mit Steilhängen einen einzeln stehenden Berg südöstlich von Braubach, der somit für die Anlage einer Burg ideale Voraussetzungen bietet. Hier wurde die Marksburg errichtet, die einzig unzerstörte Höhenburg am Mittelrhein.
Eine Stadt mit langer Geschichte, mittelalterlichem Charakter und idyllischem Flair, umgeben von Reben und Rosen, bewacht von der imposanten Marksburg, die hoch über den verwinkelten Altstadtgassen thront. Diese sind noch heute geprägt durch zahlreiche Fachwerkhäuser aus dem 16. bis 18. Jahrhundert.
Weinbau, Handwerk und Bergbau (1301 erstmals urkundlich erwähnt) sicherten den Haupterwerb der Braubacher Bevölkerung. Schon seit 1691 ist die Blei- und Silberhütte Braubach in Betrieb. Ein Erbe dieser Industrie war die schwere Umweltbelastung. Die Stadt Braubach wies eine der höchsten Bleibelastungen in Deutschland auf. Bei der jüngsten umweltmedizinischen Untersuchung wurden bei der Bevölkerung jedoch keine gesundheitlich bedenklichen Werte mehr erreicht.
Seit 1922 wird das Winzerfest gefeiert. Die Braubacher Winzer sahen eine Möglichkeit, ihre Weinkeller für die neue Ernte frei zu bekommen und dabei noch ein wenig zu verdienen. Zunächst wurden dazu einfach ein paar Fässer auf die Straße gestellt und die Braubacher Bürger, die der Geselligkeit sehr aufgeschlossen gegenüberstehen, nutzten diesen Ausschank so rege, dass eine feste Einrichtung daraus wurde. Man einigte sich auf das erste Wochenende im Oktober, da dieser Termin in der Regel vor der jährlichen Traubenlese lag. Damit hatte man auch gleichzeitig das letzte Winzerfest der Saison am Mittelrhein.
Tja, da war ich wohl ein bisschen zu früh dran…

Lahnstein

Lahnstein liegt am Zusammenfluss von Rhein und Lahn, inmitten von zwei Unesco Welterbestätten: dem Oberen Mittelrheintal und dem Obergermanisch-Raetischen Limes. Die Spuren des römischen Grenzwalls gegen die Germanen finden sich auf einer Länge von 8 km im Oberlahnsteiner Stadtwald.
Die Rittersturzkaserne der Bundeswehr in Lahnstein erinnert an die Rittersturzkonferenz 1948, in der klar wurde, dass es nicht um die Gründung eines westdeutschen Staates auf der Basis einer vom deutschen Volk freiheitlich verabschiedeten Verfassung ging.

Die Horchheimer Eisenbahnbrücke

Koblenz – Übergang und Zusammenfluss

Mit dem Überqueren der Horchheimer Eisenbahnbrücke erreichte ich schließlich die linke Rheinseite – und damit den direkten Zugang nach Koblenz.
Zum Wikipedia-Artikel zur Horchheimer Eisenbahnbrücke
Die Brücke selbst wurde für mich zu einem Schlüsselmoment dieser Etappe: Ein real vorhandener Übergang, den mir mein Navigationssystem nicht zeigen konnte.
Koblenz liegt am sogenannten Deutschen Eck, wo die Mosel in den Rhein mündet. Zwei große Flüsse treffen hier aufeinander, zwei Ströme, die aus unterschiedlichen Richtungen kommen und sich zu einem gemeinsamen Verlauf verbinden.
Nach den vorangegangenen Abschnitten, in denen Orientierung immer wieder infrage stand, entstand hier eine neue Klarheit: Wege bündeln sich, Richtungen werden eindeutig, Übergänge sichtbar.
Am folgenden Tag zeigte mir Julia die Altstadt. Bei einem Rundgang durch verschiedene Lokale kamen wir mit einigen Menschen ins Gespräch, und ich verteilte meine Faltblätter. So setzte sich das fort, was die Reise von Anfang an geprägt hatte: Begegnung, Austausch und das Weitergeben von Gedanken – nicht als Konzept, sondern im direkten Kontakt.
Der Rheinische Sauerbraten durfte natürlich nicht fehlen...
Auch sprachlich zeigt sich die Eigenständigkeit der hiesigen Menschen: Das „Kowelenzer Platt“, ein moselfränkischer Dialekt, hat seinen ganz eigenen Klang – weniger singend als im Rheinland, dafür getragen und gedehnt, mit breiten Lauten und einer eigenen Rhythmik („dau“ = du).

Und dann gibt es noch die kleinen, persönlichen Geschichten, die sich mit Orten verbinden – wie die „Kalte Ente“, ein Getränk, das in Koblenz eine gewisse Tradition hat und bei dem ich sofort an eine Anekdote aus meiner Familie denken musste: Meine Eltern verbrachten ihre Flitterwochen Mitte der 1950er Jahre auf Mallorca. Beim Abendessen fragte mein Vater, ob sie Kalte Ente hätten. Der Kellner meinte, da müsse er in der Küche fragen. Kurz danach teilte er betrübt mit, Ente sei aus. Auf den fragenden Blick meines Vaters legte er den Kopf schief, schlug mit den Ellbogen wie mit Flügeln und sagte: „Kalte Ente ist doch toter Vogel?“ Lachend klärte mein Vater ihn auf, dass es sich um ein Getränk handele und folgte ihm in die Küche, umd die passenden Behälter, Gerätschaften und Zutaten zu besorgen. Zurück am Tisch zelebrierte er unter den interessierten Blicken des Kellners und der Gäste am Nachbartisch die Zubereitung der Kalten Ente. Er schnitt eine Zitrone zu einer Spirale und hängte sie mit einem Schaschlikspieß über das Bowlengefäß. Dann öffnete er je eine Flasche Weißwein und Sekt und ließ beide Flüssigkeiten abwechselnd langsam über die Zitrone laufen. Am nächsten Tag stand auf der Karte ein neues Getränk: „Kalte Ente á la Alamangne“… Clemens Wenzeslaus von Sachsen, der letzte Erzbischof und Kurfürst von Trier, soll das Getränk erfunden haben. Er wünschte nach einem Gastmahl auf der Terrasse des Koblenzer Schlosses anstelle des üblichen heißen Mokkas ein „kaltes Ende“ und ordnete an, je eine Flasche Moselwein, Rheinwein und Champagner zusammenzugießen und mit einer Zitrone sowie Zitronenmelisse zu würzen. Das „Kalte Ende“ wurde später zu „Kalte Ente“ verballhornt.