
Datum: Montag, 2. Juli 2012
Route: Leuven → Bertem → Tervuren → Auderghem → Watermael-Boitsfort → Ixelles → Brüssel
Strecke: 28 km, davon 20 gelaufen
Im Buch: Kapitel 12, Seite 81



Kurz danach kam auch der Fotograf vom „De Morgen“ um noch ein paar Fotos zu machen. Der Ort hätte kaum passender sein können:
alt="Kurz vor Brüssel vor einem Wahlplakat mit der Aufschrift 'De kracht van verandering'" title="Versprechen kurz vor Brüssel: Die Kraft der Veränderung" style="width:100%; height:auto; display:block;">
Kurz vor Brüssel – die „Kraft der Veränderung“ bekommt eine eigene Bedeutung
Eigentlich wollte ich ja bis zum Ortsschild von Brüssel laufen (ich war noch zwischen zwei Vororten); doch andererseits reichten mir die 20 Kilometer für heute auch. So beschlossen wir, nach dem Fototermin nach Brüssel rein zum Hotel zu fahren, was sich als gute Entscheidung herausstellte, weil das tatsächliche Ortsschild noch 6,5 Kilometer entfernt war.
Am 29. April 2003 trafen sich in Tervuren bei Brüssel die Regierungschefs von Deutschland, Frankreich, Belgien und Luxemburg. Das Treffen wurde später als „Pralinengipfel“ bezeichnet – ein eher spöttischer Begriff, der die informelle Natur des Treffens widerspiegelt.
Hintergrund war der wenige Wochen zuvor begonnene zweite Irakkrieg. Die USA hatten den Angriff ohne klares Mandat der Vereinten Nationen gestartet und damit international erhebliche Kritik ausgelöst. Auch innerhalb Europas kam es zu einer deutlichen Spaltung zwischen Unterstützern und Gegnern dieses Vorgehens.
Der Gipfel in Tervuren war ein Versuch jener Staaten, die den Irakkrieg ablehnten, eine eigenständigere europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik voranzubringen. Diskutiert wurden unter anderem ein eigenes europäisches Hauptquartier und eine stärkere militärische Zusammenarbeit unabhängig von der NATO.
Die politische Stoßrichtung war klar: Europa sollte in der Lage sein, sich außen- und sicherheitspolitisch eigenständig zu positionieren – auch und gerade dann, wenn die Interessen der USA davon abweichen.
Am Dienstag haben wir uns erst einmal zum Atomium, dem „herausragenden“ Wahrzeichen von Brüssel aufgemacht. Diese Konstruktion, die anlässlich der Weltausstellung 1958 errichtet wurde, stellt mit seinen neun Kugeln in stark vergrößerter Form ein Eisenkristall-Modell dar. Der Aufzug, der uns in 23 Sekunden in die Aussichtsplattform in der oberen Kugel brachte, war seinerzeit der schnellste der Welt. (Der Bau ist insgesamt 102 Meter hoch.)
Das Atomium eröffnet durch seine begehbaren Kugeln mehrere unterschiedliche Blickrichtungen auf die Stadt und ihr Umland. Aus den verschiedenen Ebenen ergeben sich jeweils eigene Perspektiven – teils als Panorama, teils als gerichtete Ausblicke entlang der Verbindungsachsen. An den Aussichtsfenstern waren einzelne markante Punkte im Blickfeld zudem beschriftet, sodass sich bestimmte Orte gezielt zuordnen ließen – auch solche, die nur bei klarer Sicht oder am Horizont erkennbar sind.
Einerseits erkannten wir Orte, an denen Energie erzeugt wird oder entsteht:
• bei klarer Sicht das Kernkraftwerk Doel am Horizont
• die Sankt-Annenquelle, deren Wasser als heilkräftig gilt, unter anderem bei Augenleiden
• die Nationalbasilika des Heiligen Herzens als weithin sichtbarer religiöser Orientierungspunkt



Andererseits Orte, an denen sich große Menschenmengen versammeln oder bewegen:
• das König-Baudouin-Stadion und das angrenzende Heysel-/Heizel-Areal als Orte großer Menschenansammlungen
• das Messegelände (Brussels Expo) als weiterer Raum für Veranstaltungen und Besucherströme
• den Flughafen Brüssel-Zaventem als Knotenpunkt internationaler Bewegung



Es entsteht der Eindruck zweier Ebenen: Orte, an denen Energie entsteht – und Orte, an denen sie sich entlädt. In unserer Wahrnehmung verband das Atomium diese Ebenen, als würden die verschiedenen Energien aufgenommen, in der zentralen Struktur zusammengeführt und wieder in die Umgebung abgegeben. Ob diese Wirkung beabsichtigt ist oder aus der Perspektive des Betrachters entsteht, bleibt offen.
Zum Zeitpunkt unseres Besuchs stand im Atomium eine Ausstellung unter dem Titel „Wasser für alle“, die sich mit der weltweiten Verfügbarkeit von Wasser beschäftigte. Damit wurde ein Thema aufgegriffen, das weit über technische Fragen hinausgeht.
Wasser ist keine gewöhnliche Ressource. Es ist Grundlage allen Lebens – und dennoch Gegenstand von Nutzung, Kontrolle und Verteilung. Während Orte wie Kraftwerke oder Infrastruktur sichtbar sind, bleibt Wasser oft im Hintergrund: als selbstverständliche Voraussetzung, deren Bedeutung erst deutlich wird, wenn sie fehlt oder eingeschränkt wird.
Für mich hatte dieses Thema eine besondere Nähe. Wasser war in meinem Leben nie nur Mittel zum Zweck – sondern Erfahrungsraum: im Schwimmen, im Segeln, im unmittelbaren Kontakt mit natürlichen Gewässern. Es ist ein Element, das trägt, verbindet und sich zugleich jeder vollständigen Kontrolle entzieht.
Vor diesem Hintergrund erschien auch die Sankt-Annenquelle nicht nur als lokaler Ort, sondern als Hinweis auf eine andere Qualität von Wasser: nicht technisch erschlossen, sondern als etwas, dem seit jeher Wirkung zugeschrieben wird – bis hin zu heilenden Eigenschaften.
Die Auseinandersetzung mit Wasser berührt damit grundlegende Fragen: nach Zugang, Nutzung und Bedeutung. Eine ausführlichere Darstellung der Ausstellung und weiterführende Gedanken dazu finden sich in einem eigenen Hintergrundartikel.
Weiterführende Gedanken zum Thema Wasser…
In der Nähe des Atomiums befindet sich mit der „Autoworld“ eines der großen Oldtimer-Museen Europas. Auch wenn ich es auf dieser Reise nicht besucht habe – das Thema Oldtimer ist mir auf dem Weg immer wieder begegnet: Als Erinnerung, als Liebhaberstück, als bewusst bewahrte Technik.
In einem Museum wie der Autoworld wird diese Entwicklung an einem Ort sichtbar gemacht.
So ergänzt dieser Ort die anderen Perspektiven rund um das Atomium um eine weitere Ebene: den Blick zurück. Während Energie erzeugt und Bewegung organisiert wird, wird hier sichtbar, wie sich diese Möglichkeiten über die Zeit hinweg entwickelt haben.
In Belgien begegnet man ihnen immer wieder: den Schlümpfen, Tim und Struppi – und natürlich Lucky Luke. Sie sind hier Teil des Alltags, nicht nur Figuren aus Büchern.
Lucky Luke habe ich als Jugendlicher gern gelesen: Der einsame Cowboy, ständig unterwegs, selten lange an einem Ort – das bekommt aus der Perspektive einer solchen Wanderung eine ganz eigene Nähe.
Auch Tim und Struppi passen gut in dieses Bild: neugierig, offen für Begegnungen und immer ein Stück weiter auf dem Weg.
Im Kontrast zu den großen Themen dieser Etappen – Politik, Infrastruktur, europäische Entscheidungen – wirken diese Figuren wie ein Gegenpol. Sie stehen für eine andere Art, unterwegs zu sein: direkter, spielerischer, ohne großen Anspruch – und gerade dadurch näher am eigentlichen Erleben.
Und hier auf Deutsch…
Für Blues-Fans: Lonesome Cowboy (Adapté De L'oeuvre Originale Gangster Of Love) (Calvin Russell)
https://www.youtube.com/watch?v=ZENR05FsmxY&pp=ygUPbHVja3kgbHVrZSBsaWVk