Datum: 7. Juni 2012
Route: Otzberg-Lengfeld · Spachbrücken · Darmstadt
Strecke: 22,3 km
Im Buch: Kapitel 8, Seite 53
Der Weg führte am Nordrand des Odenwaldes entlang, durch Wälder und über Feldwege in Richtung Darmstadt.
Zwischen Otzberg, Reinheim und Darmstadt öffnet sich eine Landschaft, die sich deutlich vom bewaldeten Odenwald unterscheidet: die Reinheimer Bucht. Dieses weite, fruchtbare Becken entstand geologisch durch Senkungen im Oberrheingraben und gehört bereits zur Übergangszone zwischen Mittelgebirge und Rhein-Main-Ebene.
Die Böden bestehen größtenteils aus Löss, einem sehr feinen, fruchtbaren Staubsediment, das während der Eiszeiten vom Wind hier abgelagert wurde. Dadurch entwickelte sich die Reinheimer Bucht schon früh zu einem wichtigen landwirtschaftlichen Gebiet.
Mitten in dieser offenen Landschaft liegt der Reinheimer Teich, eines der bedeutendsten Vogelschutzgebiete Hessens. Die flachen Gewässer und Feuchtwiesen bieten Rast- und Brutplätze für zahlreiche Vogelarten. Besonders im Frühjahr und Herbst ist das Gebiet ein wichtiger Zwischenstopp für Zugvögel.

Die Häuser der ersten Einwohner standen in dem Dorfteil, der im Volksmund bis heute „Walachei“ genannt wird.
Spachbrücken verdankt seinen Namen einer einfachen Lösung aus früherer Zeit: Da aus statischen Gründen der Bau einer Brücke für den kleinen Dilsbach nicht im Verhältnis stand, wurden Birkenstämme (= Spachen) in den Bachlauf gelegt, unten größere, um den Durchfluss des Wassers zu gewährleisten, nach oben hin immer kleinere, damit Fuhrwerke ungehindert darüber fahren konnten.
Der Ort entwickelte sich später von einem kleinen Bauern- und Handwerkerdorf zu einer Wohnsitzgemeinde für Menschen, die in Darmstadt arbeiten.
An das Handwerk erinnert auch der Mittelaltermarkt. Rund um die Kirche, im alten Pfarrgarten und auf dem Dorfplatz wird Spachbrücken alle 2 Jahre Ende Mai zu einem Schauplatz alter Zeiten - mit Speis und Trank, Spiel und Spektakel und natürlich alter Handwerkskunst.
Und sogar in diesem kleinen Ort gibt es einen Bücherschrank – erinnert Ihr Euch an Gröbenzell (Etappe 5)?

Am Abend war ich zu einer kleinen Veranstaltung im Gemeinschaftsraum der Darmstädter Bau- und Wohngenossenschaft WohnSinn eG eingeladen. Etwa fünfzehn Menschen waren gekommen, um von meiner Wanderung zu hören. Die Atmosphäre war aufmerksam und offen, und nach meinem Bericht entwickelte sich schnell ein lebendiges Gespräch.
Die Bau- und Wohngenossenschaft WohnSinn eG entstand aus einer Initiative von Menschen, die neue Formen des Zusammenlebens erproben wollten. Ziel war es, Wohnraum zu schaffen, der gemeinschaftlich organisiert, generationenübergreifend und sozial gemischt ist.
Die Genossenschaft versteht sich als Dach für selbstverwaltete Hausgemeinschaften in Darmstadt. Mehrere Gebäude mit insgesamt über hundert Wohnungen wurden bereits realisiert. Neben privaten Wohnungen gibt es Gemeinschaftsräume, Höfe und Treffpunkte, die Begegnungen im Alltag ermöglichen. Ein Teil der Wohnungen ist öffentlich gefördert, sodass auch Menschen mit geringerem Einkommen teilnehmen können.
Die Bewohnerinnen und Bewohner sind Mitglieder der Genossenschaft und tragen gemeinsam Verantwortung für ihre Häuser. Dieses Prinzip der Selbstverwaltung, Selbsthilfe und Mitentscheidung ist typisch für genossenschaftliche Wohnprojekte und unterscheidet sie von klassischen Mietverhältnissen.
Für mich war der Abend bei WohnSinn besonders interessant, weil sich hier viele Themen wiederfanden, die mich auch in meinen eigenen Gemeinschafts-Initiativen beschäftigt haben: die Suche nach neuen Formen des Zusammenlebens, nach mehr Verantwortung füreinander – und nach einem Alltag, der Gemeinschaft nicht nur als Idee, sondern als gelebte Praxis versteht.
Bau- und Wohngenossenschaft Wohnsinn eG Darmstadt

Darmstadt liegt am Rand des Odenwaldes und war lange von großen Waldflächen umgeben. Noch heute bestehen große Teile des Stadtgebiets aus Wald – etwa der Darmstädter Stadtwald.
Heute ist Darmstadt vor allem als Wissenschaftsstadt bekannt. Die Technische Universität, mehrere Forschungsinstitute und das europäische Satellitenkontrollzentrum prägen die Stadt. Gleichzeitig besitzt Darmstadt eine besondere kulturgeschichtliche Seite: Auf der Mathildenhöhe entstand um 1900 eine der bedeutendsten Jugendstil-Künstlerkolonien Europas.
Beide Aspekte lernte ich Anfang der 1980er Jahre während meines Informatikstudiums kennen. Im Wintersemester 1983/84 besuchte ich die 11.5te Konferenz der Informatikfachschaften (KIF).
Auf einer KIF gibt es viele Arbeitskreise zu verschiedenen politischen und nicht-politischen, ernsthaften und auch nicht-ernsthaften Themen. Viele Teilnehmer nannten sich z.B. gerne „KIFfer“… So beschäftigten wir uns mit den kritischen Aspekten der Einführung des digitalen Telefonnetzes ISDN oder gründeten den Arbeitskreis „Informatik und Anarchie“, der über einige Jahre fester Bestandteil der KIF war und in dem ich einige neue Freunde fand.
Dem kulturellen Aspekt begegnete ich beim Besuch einer WG, in der ein paar der neuen Freunde Quartier gefunden hatten. Die Gastgeberinnen waren Architekturstudentinnen. Sie hatten noch eine Studienarbeit fertigzustellen und mich beeindruckte die Fröhlichkeit und Lockerheit, mit der sie am Zeichenbrett standen. Durch das große Bogenfenster des Altbaus mit Blick auf alte Bäume schien die Sonne herein und es lief die jahreszeitlich passende Musik von George Winston: Autum.
Der Wald bietet uns die höchste Lebensenergie, die wir in der Natur bekommen können.
Der Wald hat eine besondere Wirkung auf uns. Viele Menschen spüren intuitiv, dass ein Aufenthalt zwischen Bäumen Körper und Geist gut tut. Die Luft ist reich an ätherischen Stoffen, und die Ruhe wirkt ausgleichend.
Außerdem können wir uns hier wichtige Spurenelemente holen, die aus unseren Ackerböden wegen der intensiven Bewirtschaftung fast vollständig verschwunden sind und damit auch nicht in den Nahrungsmitteln zur Verfügung stehen. Alle langsam wachsenden Pflanzen reichern sie besonders gut an, also insbesondere die Bäume. Daher ist es gut, junge Triebe von Nadelbäumen oder im Frühjahr Blätter von Laubbäumen für Grüne Smoothies zu verwenden.
Grüne Smoothies - das Geheimnis der vitalstoffreichen Ernährung
Während ich unterwegs war, liefen in Europa wichtige politische Entscheidungen. Damals wurde der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) diskutiert – ein permanenter Rettungsschirm für die Eurozone. Kritiker befürchteten, dass damit eine Finanzinstitution entstehen könnte, die sich weitgehend der parlamentarischen Kontrolle entzieht.
Der Vertrag sollte ursprünglich Ende Mai 2012 verabschiedet werden, wurde dann jedoch auf Mitte Juni verschoben. In dieser Zeit begann gerade die Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine – für manche Beobachter ein Zeitpunkt, an dem politische Entscheidungen leichter im Hintergrund getroffen werden konnten.
Vertiefende Informationen und Gedanken zu diesem Thema findest Du auf der Themenseite zum ESM.
In diese Zeit fiel auch ein Aufruf vieler Künstler und Intellektueller zu mehr gesellschaftlichem Engagement. Der Liedermacher Konstantin Wecker griff in seinem Programm den Gedanken aus Stéphane Hessels Essay „Empört euch!“ auf und ermutigte dazu, sich aktiv für Demokratie und soziale Gerechtigkeit einzusetzen.