Etappe 18: Michelstadt → Otzberg-Lengfeld

Die Veste Otzberg, auch „Weiße Rübe“ genannt

Datum: 5. Juni 2012
Strecke: 29,6 km, davon 27,2 gelaufen
Route: Michelstadt · Bad König · Forstel · Höchst im Odenwald · Otzberg-Lengfeld
Im Buch: Kapitel 7, Seite 49


Das Mümlingtal ist eine der wichtigsten natürlichen Durchquerungen des Odenwalds. Schon früh führten Wege und später Straßen entlang des Flusses durch das Mittelgebirge.
Heute folgen mehrere Verkehrsachsen diesem Tal: Die Bundesstraße B45, eine Bahnlinie und zahlreiche regionale Straßen. Für Wanderer bedeutet das: Einerseits erleichtert das Tal die Orientierung, andererseits muss man immer wieder Wege finden, nicht direkt auf den großen Straßen unterwegs zu sein.
Und wie nicht anders zu erwarten, sollte ich wieder auf der B45 weiterlaufen. Es dauerte eine Weile, bis ich Unterstützung von einem Mitglied des örtlichen Wandervereins erhielt, der mich zu einem schönen Radweg brachte. Ich genoss die frische Luft, das Plätschern des Baches daneben und das Vogelgezwitscher.

An der Route

Schmuggler im Odenwald

Der Odenwald war über viele Jahrhunderte ein Gebiet mit zahlreichen kleinen Herrschaften und Zollgrenzen. Kurmainz, Kurpfalz, Hessen, verschiedene Grafschaften und kirchliche Territorien stießen hier auf engem Raum aufeinander. Für Händler bedeutete das: Auf kurzen Strecken konnten mehrere Zollstationen liegen.
Gerade im Mümlingtal und entlang der alten Höhenwege versuchten deshalb viele Menschen, diese Zölle zu umgehen. Waren wie Salz, Stoffe und Kleidung, Wein und später auch Tabak und Kaffee wurden nachts über Waldpfade transportiert oder auf abgelegenen Wegen an den offiziellen Kontrollstellen vorbeigeschmuggelt.
Die dichten Wälder des Odenwalds boten dafür ideale Bedingungen. Ortskundige Bauern oder Fuhrleute kannten versteckte Wege, auf denen man Zollstationen umgehen konnte. Für die Behörden war es schwierig, diese Aktivitäten zu kontrollieren.
So entstand in vielen Odenwalddörfern eine gewisse Schmugglertradition, die heute eher als folkloristische Geschichte weiterlebt.

Bad König – Kurort im Mümlingtal

Bad König liegt im Tal der Mümling, einem Nebenfluss des Mains, und gehört zu den klassischen Kurorten des Odenwalds. Schon im 19. Jahrhundert entdeckte man hier mineralhaltige Quellen, die später zur Grundlage eines Kurbetriebs wurden. Heute prägen ein weitläufiger Kurpark, Fachwerkhäuser im historischen Ortskern und mehrere Gesundheits- und Rehaeinrichtungen das Bild der Stadt.
Von der Bundesstraße merkt man davon allerdings wenig. Wer – so wie ich an diesem Tag – damit beschäftigt ist, irgendwie parallel zur B45 voranzukommen, ohne direkt auf ihr laufen zu müssen, bekommt vom Kurstadtleben kaum etwas mit.

Forstel bei Höchst im Odenwald – kleines Dorf im Mümlingtal, eingebettet zwischen Wiesen und bewaldeten Hügeln des Odenwalds.

Endlich wieder auf einer festen Straße angekommen – der Verkehr der B45 war nur noch leise zu hören – wusste auch das Navi wieder, wo wir waren…
Das nächste Hindernis erwartete mich kurz vor Höchst im Odenwald. Vor einer Fabrik standen mehrere Lastwagen quer auf der Straße und versperrten mir den Weg. Doch auch hier fand sich schnell jemand, der mir half, das Hindernis zu umgehen. Dabei erfuhr ich, dass es sich um eine Kleiderbügelfabrik handelte.
Tatsächlich hat die Herstellung von Holzbügeln im Odenwald eine lange Tradition. Die waldreiche Region lieferte das passende Rohmaterial, vor allem Buchenholz, und so entstanden hier bereits im frühen 20. Jahrhundert mehrere Betriebe, die Kleiderbügel für Modehäuser und Bekleidungsgeschäfte produzierten. Ein Teil der Arbeit wurde früher in Heimarbeit in den Dörfern erledigt (Schleifen, Polieren, Verpacken).
Josef Weber, der die heutige Rudolf Weber KG 1868 gründete,stellte ursprünglich Holzspielzeug her.

Blick über den zentralen Platz von Höchst im Odenwald: Gepflasterter Marktplatz mit Brunnen. Typische Odenwälder Putz- und Fachwerkhäuser.

Ich war nun im Tal der Mümling, eines kleinen Odenwaldflusses, an dem früher Mühlen und Handwerksbetriebe entstanden – wie auch in Höchst. Durch die Lage an der Odenwaldbahn war der Ort auch wirtschaftlich angebunden.

Der Odenwälder redt net viel, aber wenn er was sagt, stimmt’s meistens. - Begegnung auf dem Feldweg

Hinter Höchst wurde es wieder ruhiger. Auf einem Feldweg kam mir ein Traktor entgegen. Der Bauer hielt an und fragte:
„Wo willst du hin?“
„Nach Brüssel.“
Er schaute mich kurz an.
„Und wo kommst du her?“
„Vom Chiemsee.“
Darauf sagte er nur ein Wort:
„Scheiße!“
Diese Art von trockenem, manchmal sehr knappen Humor begegnet einem in der Region immer wieder. Manchmal genügt ein einziges Wort, um eine ganze Situation zusammenzufassen.

Veste Otzberg – Burg am Rand des Odenwalds

Kurz vor der Rhein-Main-Ebene erhebt sich auf einem markanten Basaltkegel die Veste Otzberg. Die Burg entstand im 12. Jahrhundert und diente lange als Grenz- und Verwaltungsburg. Durch ihre Lage kontrollierte sie die Wege zwischen Odenwald, Bergstraße und der Rhein-Main-Ebene.
Der isolierte Basaltkegel, auf dem die Burg steht, stammt aus der vulkanischen Vergangenheit der Region. Von der Burg aus reicht der Blick weit über den nördlichen Odenwald und in die Ebene Richtung Darmstadt.
Der runde weiße Bergfried mit seinem dunklen Dach erinnert aus der Entfernung ein wenig an eine aus dem Boden ragende Rübe, weshalb die Burg Im Volksmund oft „Weiße Rübe“ genannt wird.

Von der Plattform der „Weißen Rübe“ reicht der Blick über den Odenwald bis in die Rhein-Main-Region und bei klarer Sicht sogar bis Frankfurt und zum Taunus.

Mit dieser Etappe verließ ich langsam den inneren Odenwald. Die Landschaft wurde offener, die Wälder lichter, und die ersten Ausläufer der Rhein-Main-Region waren bereits zu spüren.
Der Weg führte damit aus einer ruhigen Mittelgebirgslandschaft hinein in einen der dichtesten Wirtschafts- und Siedlungsräume Deutschlands.