Etappe 17: Buchen-Hollerbach → Michelstadt

Blick auf Hesselbach

Datum: 4. Juni 2012
Strecke: 39 km, davon 14 gelaufen
Route: Hollerbach – Hesselbach - Michelstadt
Im Buch: Kapitel 7, Seite 48


Der ‚Sohn des Hauses‘ brachte mich nach dem Frühstück nach Hesselbach. Dort beginnt ein alter Römerweg, der mich 10 km durch den Odenwald führte. Der Weg folgt über weite Strecken dem Verlauf des Odenwaldlimes und gehört heute zum Deutschen Limes-Wanderweg.
Ich genoss die Düfte und lauschte den Vögeln. Doch dann kam wieder Bundesstraße, die ich diesmal gleich per Anhalter überwand.

An der Route

Limeswanderweg zwischen den Turmstellen Wp 10/14 und Wp 10/15 am Odenwaldlimes

Hesselbach und der Odenwaldlimes

Wie in der gesamten Region gibt es auch in der Gemarkung Hesselbach keine Spuren vorrömischer, menschlicher Besiedlung. Die seit jeher mit nur wenig fruchtbaren Böden bedeckte, von dichten Wäldern bewachsene Region bot den Menschen der Frühzeit keinerlei Anreiz, sich dort aufzuhalten. Erst zwischen etwa 100 und 160 n. Chr. entstand hier eine römische Grenzstation des heutigen Odenwaldlimes.
Am nordöstlichen Ortsrand befinden sich die Überreste des früheren Kastells Hesselbach. Die Konturen seiner Umwehrung sind im Gelände als deutlicher Erdwall gut zu erkennen. Ferner lassen sich die Spuren des Limes, der über den Höhenrücken verlief, über eine weite Strecke sehr gut beobachten. Verschiedene Limeswachtürme sind in unterschiedlichen Erhaltungszuständen (teilweise als Bodenverformungen, teilweise als Rekonstruktionen) im Gelände zu sehen.

Der Deutsche Michel – ein nationales Symbol

Der „Deutsche Michel“ ist eine Figur aus der politischen Satire des 19. Jahrhunderts.
Er steht für den einfachen Bürger – gutmütig, friedliebend, manchmal etwas naiv und politisch wenig streitlustig.
In Karikaturen wird der Michel meist mit einer Schlafmütze dargestellt. Damit wollten Zeichner ausdrücken, dass das deutsche Volk politische Entwicklungen oft erst spät bemerkt oder sich nur widerwillig in Konflikte einmischt.
Der Name selbst ist vermutlich kein Zufall. In vielen deutschen Städten gibt es Michel-Kirchen oder Orte mit diesem Namen – etwa der „Hamburger Michel“. So wurde „Michel“ zu einer Art volkstümlichem Namen für den durchschnittlichen Deutschen.
Als ich in einem Café in Michelstadt nach einem Quartier fragte - und niemand reagierte - kam mir dieser Gedanke spontan in den Sinn:
Vielleicht schläft der Deutsche Michel hier noch besonders tief und fest…
Der „Grüne Baum“ und die „Drei Hasen“ hatten montags Ruhetag und auch keine günstigen Zimmer frei. So landete ich dann im „Michelstädter Hof“.

Das historische Rathaus am Michelstädter Marktplatz

Michelstadt

Michelstadt war jahrhundertelang eine kleine, aber wichtige Markt- und Verwaltungsstadt im Odenwald. Die Lage an alten Handelswegen zwischen Main, Neckar und Tauber machte den Ort zu einem regionalen Zentrum für Handwerk und Handel.
Ganz eingeschlafen ist der „Deutsche Michel“ in Michelstadt heute nicht mehr. Gerade im Sommer ist der Marktplatz voller Leben: Cafés, Touristen, Märkte und Stadtführungen beleben die Altstadt.
Michelstadt ist nicht nur wegen seines berühmten Fachwerk-Rathauses bekannt. Die Stadt hat auch eine lange Tradition von Volksfesten und Märkten, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen.
Das bekannteste Fest ist der Michelstädter Bienenmarkt, der jedes Jahr zu Pfingsten stattfindet und zu den größten Volksfesten im Odenwald gehört.
Seine Ursprünge reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Damals war der Markt tatsächlich ein Handelsplatz für Bienen und Honigprodukte. Die Imkerei spielte in den waldreichen Regionen des Odenwalds eine wichtige Rolle, und der Bienenmarkt entwickelte sich zu einem Treffpunkt für Imker, Bauern und Händler aus der ganzen Region.
Heute ist der Bienenmarkt ein großes Volksfest mit
• Fahrgeschäften und Marktständen
• Konzerten und Festzeltbetrieb
• regionalen Produkten und Handwerk
• einem traditionellen Festumzug
• Stadtlauf und Feuerwerk
• Bienenmesse und Blumenkorso
Der historische Bezug zur Imkerei ist zwar in den Hintergrund getreten, doch die Biene als Symbol ist in Michelstadt weiterhin präsent. Sie taucht immer wieder in Vereinsnamen, Darstellungen und lokalen Traditionen auf und erinnert an die landwirtschaftlichen Wurzeln des Festes.
Der Bienenmarkt gehört für viele Menschen im Odenwald zum festen Jahresrhythmus – ähnlich wie Kirchweihen oder Erntedankfeste in anderen Regionen.

Imkerei und Waldwirtschaft im Odenwald

Die Bienenhaltung hatte in den waldreichen Regionen des Odenwalds lange eine besondere Bedeutung. Bevor der Zucker aus Zuckerrohr oder Zuckerrüben verbreitet war, gehörte Honig zu den wichtigsten Süßungsmitteln Europas.
Der Odenwald bot dafür ideale Bedingungen. Die ausgedehnten Mischwälder lieferten über viele Monate hinweg Nahrung für Bienen:
• Frühjahr: Weiden, Obstbäume und Wiesenblumen
• Sommer: Lindenblüten und zahlreiche Waldpflanzen
• Spätsommer: sogenannter Waldhonig, der aus Honigtau von Blattläusen entsteht
Gerade dieser Waldhonig war im Mittelalter ein wertvolles Handelsprodukt. Viele Bauern hielten deshalb neben der Landwirtschaft auch Bienenstöcke am Waldrand oder auf Lichtungen.
Honig diente nicht nur als Nahrungsmittel, sondern auch zur Herstellung von Met (Honigwein) und als Grundlage für Bienenwachs, das für Kerzen, Salben und kirchliche Zwecke gebraucht wurde.
Die Imkerei gehörte damit über Jahrhunderte selbstverständlich zur ländlichen Wirtschaft – besonders in waldreichen Regionen wie dem Odenwald. Märkte wie der Michelstädter Bienenmarkt erinnern noch heute an diese Tradition.

Der Michelstädter Stadtgarten

Der Michelstädter Hochbeetgarten

Für alle, die keinen eigenen Garten zum Beackern haben, aber trotzdem eigenes Obst und Gemüse anbauen möchten, bietet die Stadt Michelstadt eine tolle Möglichkeit: In zwölf Hochbeeten, davon zwei barrierefrei unterfahrbar, können Hobbygärtner ihr eigenes Gemüse säen und ernten.
Der Hochbeet-Garten befindet sich vor der Bienenmarkts-Passage (Durchgang zwischen Bienenmarkts-Parkplatz und Altstadt). Bis zum Saisonstart werden die Beete von der Stadt vorbereitet, d.h. gute Komposterde wird aufgefüllt und verschiedene Instandhaltungsarbeiten ausgeführt. Die Beete werden jedes Jahr neu vergeben, die Jahrespacht für einen Pflanzbereich beträgt 35 Euro. Nach der Vergabe können die Pächter direkt loslegen.
Der Hochbeet-Garten ist ein Projekt der Michelstädter „cittaslow“-Initiative.

Bewusstes Leben im Zeichen der Schnecke: Langsame Stadt.

Michelstadt ist cittaslow
Eine cittaslow, das ist „… eine Stadt, in der Menschen leben, die neugierig auf die wieder gefundene Zeit sind, die reich ist an Plätzen, Theatern, Geschäften, Cafés, Restaurants, Orten voller Geist, ursprünglichen Landschaften, faszinierender Handwerkskunst, wo der Mensch noch das Langsame anerkennt, den Wechsel der Jahreszeiten, die Echtheit der Produkte und die Spontaneität der Bräuche genießt, den Geschmack und die Gesundheit achtet …“