Etappe 10: Ehingen am Ries → Dinkelsbühl

Häuser am Weinmarkt in Dinkelsbühl

Datum: Sonntag, 27. Mai 2012
Strecke: 28 km
über Fremdingen, Greiselbach und Wilburgstetten
Im Buch: Kapitel 6, Seite 37


Nach dem Frühstück mit frisch gebackenem Brot aus eigenem Weizen brachten mich mein Gastgeber und seine siebenjährige Tochter zum Radweg neben der Staatsstraße. Sonja hat noch schnell einen Blumenstrauß für ihre Mama gepflückt…
In der Ferne hörten wir eine Dampflok pfeifen. „Das ist eine historische Bahn, die nur an bestimmten Wochenenden fährt“. Dieses Pfeifen sollte ich bis Dinkelsbühl immer wieder hören – mal näher, mal ferner.

An der Route

Hinter Fremdingen verließ ich langsam den Rand des Rieskraters. Die Orte entlang der Straße erzählen von einer langen Siedlungsgeschichte: alamannische Dörfer, fränkische Straßensiedlungen und kleine Handelsstationen.
Greiselbach lag einst an der alten Route zwischen Augsburg und Würzburg – mit Gasthaus, Brauerei und Kirche.

Der Limes – eine uralte Grenze

Kurz hinter Fremdingen überschritt ich – ohne es zunächst zu merken – eine sehr alte Grenze: den römischen Limes.
Der Limes bestand nicht nur aus einer Mauer oder einem Wall, sondern aus einem ganzen System von Palisaden und Wällen, Gräben, Wachtürmen und kleinen Kastellen. Von den Türmen aus konnten römische Soldaten das Vorfeld beobachten und Nachrichten entlang der Grenze weitergeben.
Vor fast zwei Jahrtausenden endete hier das Römische Reich. Jenseits davon begann das Land der Germanen. Heute verläuft hier nur noch eine unscheinbare Linie im Gelände. Doch wer darüber hinweggeht, überschreitet symbolisch eine der ältesten politischen Grenzen Europas.
 
Bei dieser Etappe bewegte ich mich auf wenigen Kilometern durch drei Zeitebenen:
• Rieskrater → kosmisches Ereignis
• Limes → Grenze der antiken Welt
• Reichsstadt Dinkelsbühl → mittelalterliche Ordnung

Heimattag der Siebenbürger Sachsen

Zu Pfingsten verwandelt sich Dinkelsbühl jedes Jahr in einen Treffpunkt für die Siebenbürger Sachsen. Seit über 50 Jahren kommen Angehörige dieser deutschsprachigen Minderheit aus Rumänien – und deren Nachkommen – hier zusammen. Trachtenzüge, Musik, Begegnungen über Generationen hinweg prägen das Stadtbild.
Der Heimattag entstand nach der Vertreibung vieler Siebenbürger Sachsen nach dem Zweiten Weltkrieg. Dinkelsbühl wurde zu einem Symbolort ihrer Identität und Erinnerungskultur.
Als ich ankam, war die Stadt voller Trachtengruppen, Musik und Stimmengewirr. Ein Quartier zu finden war nicht einfach – schließlich bekam ich noch ein Zimmer im Fränkischen Hof.
Beim Frühstück hatte ich einen Platz in der Nähe einer großen Tafel, an der offenbar eine Großfamilie von 2 bis 90 Jahren Platz genommen hatte. Alle lauschten gespannt der alten Dame am Kopfende der Tafel, die in blumiger Sprache aus ihrem Leben erzählte.
„Mer senn hîr zesummekomm fer unser Hîmet net ze vergesse…“
So klingt es, wenn Siebenbürger Sachsen in ihrer Mundart sprechen – ein moselfränkisch geprägter Dialekt, der seit Jahrhunderten in Siebenbürgen bewahrt wurde.

Dieses Video zeigt einen Gedichtvortrag in siebenbürgisch-sächsischer Mundart. Man hört gut die typischen Lautungen dieses Dialekts – etwa die weicheren Vokale und die moselfränkische Klangfarbe.
Und für die Jugend gab’s auch passende Musik – nein, diesmal nicht Peter Maffay, obwohl der auch aufgespielt hat…

Historische Dampflok mit angehängten Waggons beim Bayerischen Eisenbahnmuseum in Nördlingen, wie sie sie auf der Romantischen Schiene zwischen Nördlingen und Dinkelsbühl fährt.
Dampfzugfahrten auf der Romantischen Schiene®
Das Pfeifen, das ich unterwegs immer wieder hörte, gehörte zur Museumsbahn zwischen Nördlingen, Dinkelsbühl und Feuchtwangen.
Die Bahnstrecke Nördlingen–Dombühl wurde ab 1876 eröffnet und war eine eingleisige Nebenbahn entlang des Wörnitztals. 1985 wurde der reguläre Personenverkehr eingestellt.
Heute betreibt das Bayerische Eisenbahnmuseum Nördlingen auf Teilen der Strecke eine Museumsbahn – mit historischen Schienenbussen und gelegentlich Dampflokomotiven.
Die „Romantische Schiene®“ verbindet die alten Reichsstädte – langsam, gemächlich, weitab vom Straßenverkehr.
Während ich zu Fuß unterwegs war, fuhr die Vergangenheit auf Schienen nebenher.
Bayerisches Eisenbahnmuseum Nördlingen