Zu Fuß von Oberbayern nach Brüssel (Fränkische Nachrichten, 11.06.2012)

Auf seinem 900 Kilometer langen Fußmarsch von Oberbayern nach Brüssel zum Europaparlament machte Stefan Nathan-Lange auch in Berolzheim Station. Der blinde Wanderer will sich für eine bessere Welt einsetzen.

Von unserer Mitarbeiterin Marianne Schober
Main-Tauber-Kreis. Zu Fuß bei Wind und Wetter rund 900 Kilometer zu wandern, ist eine große Leistung. Noch dazu wenn man alleine unterwegs ist. Da ist im Vorfeld viel Organisation und Vorbereitung nötig. Auch eine gewisse Kondition muss aufgebaut werden, um den Körper auf solch ein Mammutprojekt vorzubereiten. Was ist aber, wenn es sich um eine kurzfristige Entscheidung handelt? Es geht trotzdem, sogar wenn man blind ist.
Den besten Beweis dafür liefert Stefan Nathan-Lange. Seit dem 15. Mai wandert er vom oberbayerischen Oberbrunn bei Pittenhart quer durch Deutschland nach Brüssel zum Europaparlament. Und das nicht ohne Grund. Dort will er seine Ansichten für eine bessere Weltordnung vorstellen. Auf seinem Weg dahin kam er auch durch den Main-Tauber-Kreis und machte in Berolzheim kurz Rast.
Ursprünglich stammt Stefan Nathan-Lange aus dem Rheinland, wohnt aber seit sieben Jahren bei Pittenhart im oberbayerischen Chiemgau. Dort betreibt er zusammen mit seiner Lebensgefährtin ein Seminarhaus und ist als Schamane tätig. Schon lange interessiert er sich dafür, was im Umfeld so alles passiert. Und obwohl er fast vollständig blind ist - oder gerade deswegen -will er nicht die Augen vor dem verschließen, was auf der Welt nicht in Ordnung ist. Deshalb war er auch nicht abgeneigt, als seine Freundin vorschlug, doch einmal nach Berlin zu gehen, um vor dem Bundestag die derzeitigen Missstände aufzuzeigen.
Aus der Idee wurde ein fester Plan. Da sich der politische Fokus zurzeit aber mehr um Europa dreht, wurde das Ziel geändert. Hinzu kommt aber auch, dass die Route nach Brüssel sicherlich mehr Aufsehen erregen würde, da sie quer durch Deutschland und die Niederlande führt.
Obwohl der Entschluss erst zu Ostern gefasst wurde, zögerte der gebürtige Rheinländer nicht lange und startete Mitte Mai, um das Europaparlament noch vor der Sommerpause zu erreichen. Dort will er die Politiker darauf aufmerksam machen, dass sie ihre Aufgaben mehr auf das Volk ausrichten sollen und nicht auf die Banken in anderen Ländern. Auch Banken seien seiner Meinung nach "Firmen, die genauso wie alle anderen, Insolvenz beantragen sollten", wenn es erforderlich sei.
Allgemein geht es dem Chiemgauer aber vor allem darum, die Botschaft zu verbreiten, "wie wir, das Volk, unser Leben wieder in die eigenen Hände nehmen und uns aus dem Klammergriff des Macht- und des Geldsystems lösen können". Es müsse ein Bewusstseinswandel stattfinden, findet er, weg von Konkurrenzdenken hin zu Kooperation und gegenseitiger Unterstützung. Sein Motto lautet: "Bewusst sein miteinander füreinander".
Diese Botschaft wolle er auf seinem langen Weg quer durch das Land verbreiten. Um möglichst viel Kontakt zu anderen Menschen zu bekommen, habe er bewusst den Weg zu Fuß gewählt.
Dies bringt natürlich auch einige Schwierigkeiten mit sich, zumal der gelernte Informatiker infolge einer Erbkrankheit annähernd blind ist. Er kann nur noch Umrisse wahrnehmen. Das entmutigte ihn aber keine Sekunde. "Ich weiß sehr genau, was ich tue", sagte er im Gespräch mit den Fränkischen Nachrichten, "und das Navi hilft mir dabei". Sein Navigationsgerät für Blinde sage ihm, wohin er gehen solle und wohin nicht. Täglich lege er so 20 bis 25 Kilometer zurück, um nach 44 Etappen schließlich sein Ziel zu erreichen. Meistens wandere er an den Hauptstraßen entlang. Wald- und Wiesenwege, sowie Kopfsteinpflaster eigneten sich eher wenig, "da bleibt der Blindenstock immer hängen", so der Chiemgauer.
Es kam auch schon vor, dass die Polizei anrückte, wenn es hieß: "Blinder Fußgänger an stark befahrener Fahrbahn". Dies passierte ihm beispielsweise bei Bad Mergentheim, als er von Niederstetten kam. Die Beamten erwiesen sich aber als sehr freundlich und hilfsbereit und fuhren ihn auf seiner Etappe nach Buchen bis nach Schillingstadt. Von dort aus ging es dann weiter über Berolzheim und Buchen bis nach Frankfurt am Main. In der "Bankenmetropole" wird er noch einige Tage bleiben, bevor er über Wiesbaden, Koblenz und Aachen erst nach Maastricht und schließlich nach Brüssel wandert. Der selbstbewusste Schamane ist sich sicher, dass er sein Ziel erreicht. "Sofern mein Navigationsgerät nicht ausfällt", ergänzter er.
Ob und wie er ins Parlament komme, wisse er zwar noch nicht, aber er ist sich sicher, dass er alleine durch seine Aktion genügend Aufsehen erregen und die Menschen zum Nachdenken und vielleicht auch zum Umdenken bringen wird.
© Fränkische Nachrichten, Montag, 11.06.2012
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