Datum: 30. Mai 2012
Strecke: 20 km
über Schillingsfürst, Faulenberg und Gebsattel
Im Buch: Kapitel 6, Seite 40
Schon von weitem ist Schloss Schillingsfürst zu sehen. Die barocke Anlage steht auf einem Höhenrücken über dem Tal der Wörnitz und prägt das Landschaftsbild der Region.
Die Geschichte des Ortes ist eng mit dem Fürstenhaus Hohenlohe-Schillingsfürst verbunden. Aus dieser Linie stammt auch Konrad von Hohenlohe-Schillingsfürst, der von 1906 bis 1907 Ministerpräsident von Österreich-Ungarn war.
Das heutige Schloss wurde im 18. Jahrhundert errichtet und zählt zu den bedeutenden barocken Schlossanlagen Frankens. Besonders bekannt ist Schillingsfürst für seine Greifvogel- und Falknervorführungen, bei denen Adler, Falken und Geier über der Landschaft des Wörnitztals kreisen.
Auch heute zeigt sich hier noch viel bürgerschaftliches Engagement. Ich kam mit einem Rentner ins Gespräch, der mit seinen Nachbarn – ebenfalls alles Rentner – den maroden Gehweg vorm Haus in Eigeninitiative instandgesetzt hat.
Zwischen Schillingsfürst und Rothenburg liegen zahlreiche kleine Orte, deren Geschichte oft bis ins frühe Mittelalter zurückreicht.
Faulenberg ist ein typisches Beispiel für ein fränkisches Straßendorf: einige Höfe, eine kleine Kirche, landwirtschaftlich geprägte Umgebung. Solche Orte sind Teil der historischen Kulturlandschaft Frankens, die über Jahrhunderte von Bauern, Handwerkern und kleinen Adelssitzen geprägt wurde.
Kurz vor Rothenburg erreichte ich Gebsattel. Der Ort liegt auf einer Anhöhe oberhalb des Taubertals und war lange Zeit für Reisende auf der alten Handelsroute zwischen Würzburg und Augsburg ein wichtiger Zugang zur Reichsstadt Rothenburg. Von hier öffnet sich der Blick erstmals hinunter ins Taubertal – und damit auf die Landschaft, in der Rothenburg liegt.
Heute wirkt Gebsattel ruhig und ländlich, doch geografisch markiert es den Übergang von der offenen Hügellandschaft in das engere Tal der Tauber.
Die Stadt war im Mittelalter eine Freie Reichsstadt und entwickelte sich zu einem wichtigen Handelszentrum. Viele der Fachwerkhäuser, Stadttore und Türme stammen noch aus dieser Zeit.
Besonders eindrucksvoll ist die vollständig erhaltene Stadtmauer, auf der man noch heute große Teile der Altstadt umrunden kann.
Nach dem Dreißigjährigen Krieg verlor Rothenburg zwar an politischer Bedeutung, doch gerade dieser wirtschaftliche Stillstand bewahrte das mittelalterliche Stadtbild. Heute gehört Rothenburg zu den bekanntesten historischen Städten Europas.
Am Ortseingang von Rothenburg kamen mir schon Ralf und Bianca entgegen, Freunde aus der schamanischen Ausbildungszeit. Sie geleiteten mich zu meinem Quartier, das sie auch vermittelt hatten. Mein Gastgeber Harald Ernst ist Reiseleiter und macht auch heute noch vor allem Stadtführungen in Rothenburg.

Neben den klassischen Stadtführungen bietet er auch spannende Sonderführungen an.
Der Nachtwächter führt auf unterhaltsame und stimmungsvolle Weise durch die Nacht - durch dunkle Gassen und über spärlich erleuchtete Plätze - und gewährt Einblicke in das Leben einer (zumindest damals) gesellschaftlichen Randfigur.
Unter dem Titel „Heilige-Hure-Hübscherin“ erfährt man etwas über die Rolle der Frau im Verlauf der Jahrhunderte. Auf unterhaltsame und informative Weise plaudert Harald mal deftig, mal hintergründig über Prostitution und das Frauenbild über die Jahrhunderte hinweg. Ein Rundweg für Machos wie für Frauenversteher, für Emanzen wie für Modepüppchen.
Harald hatte bemerkt, dass meine Schuhe nicht wirklich optimal für solch eine Wanderung waren. Und so hat er mir geholfen, passenderes Schuhwerk zu finden. Damit ging es sich tatsächlich viel besser und ich habe sie noch viele Jahre getragen.
www.gaestefuehrung-rothenburg.de

Tastmodelle (auch Blindenmodelle oder taktile Modelle) sind maßstäblich stark verkleinerte, detailgetreue dreidimensionale Nachbildungen von kompletten Städten oder Stadtteilen, Sehenswürdigkeiten oder Denkmalen. Blinde und sehbehinderte Menschen können durch Betasten dieses Hilfsmittels eine bessere Vorstellung von den Formen, Strukturen und Dimensionen der dargestellten Objekte bekommen. Entfernungen und Höhenunterschiede, die Anordnung von Gebäuden oder der Verlauf eines Flusses durch eine Stadt lassen sich anhand des Modells mit den Fingerkuppen ablesen. Viele dieser Modelle stehen heute an zentralen Plätzen der Städte und ermöglichen blinden wie sehenden Besuchern eine neue Art der Orientierung.
Bildhauer Egbert Broerken entwickelte vor über 30 Jahren die ersten bronzenen Stadtmodelle zum Fühlen, Sehen und Begreifen. Zusammen mit Sohn Felix hat der Künstler mehr als 250 Stadtmodelle geschaffen, die mittlerweile viele Innenstädte prägen und einen wertvollen Beitrag zur Inklusion leisten.
Wie ich erst jetzt erfuhr gibt es neben Rothenburg in neun weiteren Orten, die ich durchquerte taktile Stadtmodelle der Broerkens: München (Frauenkirche), Augsburg, Nördlingen (Altstadt), Dinkelsbühl, Michelstadt, Königstein, Wiesbaden, Eschweiler und Aachen (Dom). Sowie von einem anderen Künstler: Darmstadt (Hochzeitsturm).
www.blinden-stadtmodelle.de
Harald wirkte damals an der Erstellung eines Stadtmodells der Rothenburger Altstadt mit. Er hatte auch die Idee, spezielle Führungen für Blinde durchzuführen und auch Sehenden nahezubringen, wie Blinde eine Stadt wahrnehmen. Rothenburg ist für Blinde eine echte Herausforderung! Durch das Kopfsteinpflaster ist es sehr mühsam, sich mit dem Langstock zu orientieren – zumal der Übergang von Straße zu Gehweg meist sehr flach ist. Leider kam es nur zu wenigen Gelegenheiten, diese Idee umzusetzen.