Datum: Freitag, 8. Juni 2012
Route: Darmstadt → Erzhausen → Egelsbach → Langen → Dreieich → Frankfurt am Main
Strecke: 32 km, davon 26 gelaufen
Im Buch: Kapitel 8, Seite 54

Langen liegt ziemlich genau zwischen Darmstadt und Frankfurt und gehört damit schon klar zum Rhein-Main-Gebiet. Dennoch wirkt der Ort an vielen Stellen noch ruhig und überschaubar.
Im Zentrum steht der Vierröhrenbrunnen. Er wurde 1553 von einem unbekannten Steinmetzmeister aus Sandstein in Annäherung an den Goldenen Schnitt erschaffen. Vier Tierköpfe stellen die vier Temperamente dar: der Löwe den Choleriker, der Affe den Sanguiniker, das Lamm den Phlegmatiker und der Bär den Melancholiker. An der Westseite des Brunnens findet sich das Stadtwappen.
Rund um den Brunnen wird jedes Jahr das überregional bekannte Ebbelwoifest gefeiert. Und an den vier Festtagen fließt der Apfelwein direkt aus dem Brunnen.
Der Name Dreieich geht auf ein großes mittelalterliches Waldgebiet zurück, den „Wildbann Dreieich“, ein kaiserliches Jagdrevier. Teile dieses Waldes prägen die Landschaft bis heute – und begleiteten mich auch auf meinem Weg.
Dreieichs ursprünglicher Fokus lag auf dem Gebiet der Textilherstellung und -verarbeitung. In den letzten fünf bis zehn Jahren hat sich Dreieich jedoch zu einem zentralen Ballungsgebiet des IT-Dienstleistungsgewerbes entwickelt.
Gleichzeitig zeigt sich hier eine andere Seite. Mit dem Haus des Lebenslangen Lernens ist ein Ort entstanden, an dem Bildung nicht an ein bestimmtes Alter gebunden ist, sondern als fortlaufender Prozess verstanden wird.
Und dann gibt es da noch die kleinen Besonderheiten, die einem im Gedächtnis bleiben: In Dreieich wurde ein Verein für „zeitversetzt lebende Menschen“ gegründet – also für Nachtmenschen, die ihren eigenen Rhythmus haben. Ein schönes Beispiel dafür, dass es auch in einer scheinbar ganz normalen Region Raum für ungewöhnliche Ideen gibt.
Während meines Aufenthalts in Frankfurt besuchte ich gemeinsam mit meiner Gastgeberin eine Demonstration gegen das geplante Handelsabkommen ACTA. Das Abkommen sollte international den Schutz von Urheberrechten stärken, stieß jedoch auf breite Kritik.
Kritiker bemängelten vor allem die intransparenten Verhandlungen sowie mögliche Eingriffe in die digitale Freiheit. Befürchtet wurden unter anderem stärkere Überwachung im Internet und Einschränkungen der freien Meinungsäußerung.
Die Proteste gegen ACTA waren europaweit organisiert und erreichten in manchen Städten große Teilnehmerzahlen. In anderen – wie z.B. Lissabon, München, Toulouse und eben auch Frankfurt - zeigte sich jedoch ein anderes Bild: Die Beteiligung war gering, die Atmosphäre wenig einladend – und so entschieden wir uns, nicht mitzulaufen.

Wir besuchten auch das Occupy-Camp vor der Europäischen Zentralbank. Es war Teil einer weltweiten Bewegung, die nach der Finanzkrise 2008 entstand und sich gegen die Macht der Finanzmärkte und die wachsende soziale Ungleichheit richtete – Bankenrettung, Sozialisierung von Verlusten und Privatisierung von Gewinnen.
Unter dem Motto „Wir sind die 99 %“ versammelten sich hier Menschen, die nach neuen Formen von Demokratie und Zusammenleben suchten. In den Zelten wurde diskutiert, organisiert und ausprobiert – oft basisdemokratisch, konsensorientiert und ohne feste Hierarchien.
Das Camp war damit nicht nur ein Ort des Protests, sondern auch ein Experiment: Wie kann Gemeinschaft funktionieren? Wie können Entscheidungen gemeinsam getroffen werden?
Ende der 1990er Jahre wurde mit dem Multilateralen Abkommen über Investitionen (MAI) ein weitreichendes Vertragswerk verhandelt, das Investoren umfassende Rechte gegenüber Staaten eingeräumt hätte. Nationale Gesetzgebung wäre damit in vielen Bereichen faktisch unter Vorbehalt wirtschaftlicher Interessen gestellt worden.
1998 scheiterte das Abkommen – vor allem durch öffentlichen Druck und den Rückzug Frankreichs aus den Verhandlungen. Für viele war das ein Erfolg und ein Zeichen dafür, dass politischer Widerstand tatsächlich etwas bewirken kann.
Ich hatte damals den Eindruck, dass wesentliche Teile des Abkommens auf anderem Weg wieder auftauchen würden. Betrachtet man die Entwicklungen der folgenden Jahre, bestätigt sich dieses Bild: Viele der zentralen Elemente des MAI finden sich später in veränderter Form wieder – etwa in bilateralen Investitionsschutzabkommen, in großen Handelsverträgen wie CETA oder den geplanten Abkommen ACTA und TTIP sowie in Regelwerken, die oft weit weniger öffentliche Aufmerksamkeit erhielten.
Was in einem großen Entwurf nicht durchsetzbar ist, wird in kleineren Teilen weiterverfolgt, angepasst und zu einem späteren Zeitpunkt erneut eingebracht. Ein häufig zitierter Satz von Jean-Claude Juncker beschreibt dieses Prinzip erstaunlich offen:
„Wir beschließen etwas, stellen das in den Raum und warten ab, was passiert. Wenn es kein großes Geschrei gibt, machen wir weiter – Schritt für Schritt.“
Die Erinnerung an das MAI passt zu dem politischen Fokus meiner Wanderung – etwa im Hinblick auf den ESM. Es zeichnet sich ein Muster ab: Entscheidungen, die weitreichende Folgen haben, entstehen oft nicht im offenen Diskurs, sondern in Prozessen, die sich nur schwer überblicken lassen.
Gerade deshalb wird für mich die Frage entscheidend, wie wir als Einzelne damit umgehen. Ob wir darauf vertrauen, dass diese Prozesse in unserem Sinne verlaufen – oder ob wir beginnen, Verantwortung wieder stärker selbst zu übernehmen, uns zu vernetzen und neue Formen des Zusammenlebens zu entwickeln.
Diese Zeit war geprägt von wachsender wirtschaftlicher Unsicherheit. Die Eurokrise hatte längst weitere Länder erfasst, und mit Spanien stand bereits der nächste große Kandidat im Fokus.
Trotzdem machten viele Menschen weiter wie bisher – in der Annahme, dass sich alles irgendwie wieder einpendeln würde. Gleichzeitig mehrten sich Stimmen, die genau das in Frage stellten. Einige Experten sahen das Finanzsystem bereits „im Auge des Hurrikans“ und hielten einen grundlegenden Zusammenbruch für möglich.
Parallel dazu gab es auch andere Deutungen dieser Entwicklung. So vertrat etwa Christoph Fasching die Sicht, dass das bestehende System nicht reformierbar sei, sondern vollständig abgelöst werden müsse. In seinen Veröffentlichungen beschreibt er diesen Prozess als Teil eines umfassenden Wandels, der weit über wirtschaftliche Fragen hinausgeht.
Im Zentrum dieser Perspektive steht ein radikaler Gedanke:
Systeme bestehen nur, weil Menschen sie tragen. Und sie verändern sich erst dann grundlegend, wenn Menschen beginnen, Verantwortung für ihr eigenes Leben zurückzunehmen.
Ein möglicher Zusammenbruch wird dabei nicht nur als Bedrohung gesehen, sondern auch als Übergang. Als Erfahrung, die Menschen dazu zwingt, ihre Abhängigkeit von bestehenden Strukturen zu hinterfragen – und neue Formen des Zusammenlebens zu entwickeln.
Die Vision dahinter ist eine Gesellschaft, die weniger auf Geld und Kontrolle basiert, sondern stärker auf Kooperation, Eigenverantwortung und gemeinschaftlichem Handeln.
Rückblickend lässt sich sagen: Ein unmittelbarer Kollaps, wie er damals von manchen erwartet wurde, ist ausgeblieben. Doch viele der zugrunde liegenden Fragen sind heute aktueller denn je.
Weiterführende Gedanken und die vollständige Darstellung dieser Perspektive:
Christoph Fasching: Wann kommt der erste große Zusammenbruch?
Nach dem Buch „Die Gesellschaft 2015“ von Christoph Fasching
in „Lichtsprache - Die Zeitschrift für den Transformationsprozess“ Nr. 81
Noch können wir alles, was wir zum Leben brauchen, bequem im Laden kaufen. Doch was passiert, wenn das Geldsystem ins Wanken gerät – wenn Preise steigen, Banken schließen oder der Zugang zum eigenen Geld plötzlich unsicher wird?
Der Artikel beschreibt die Vision einer Welt, in der Geld als zentrales Organisationsprinzip der Gesellschaft verschwindet. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass viele Menschen das bestehende System zunehmend als ungerecht und lebensfeindlich empfinden – sowohl im Hinblick auf soziale Ungleichheit als auch auf den Umgang mit natürlichen Ressourcen.
Nach dieser Sichtweise verliert Geld nicht plötzlich, sondern schrittweise an Bedeutung – zunächst im Bewusstsein der Menschen. Je mehr erkannt wird, dass Geld kein natürlicher Wert, sondern ein von Menschen geschaffenes System ist, desto leichter fällt es, sich davon zu lösen. (lichtsprache-online.com)
Der eigentliche Umbruch wird im Zusammenhang mit einem Zusammenbruch des bestehenden Finanzsystems gesehen. In dieser Phase könnten Versuche unternommen werden, das System künstlich aufrechtzuerhalten oder neu zu stabilisieren – was den Kollaps jedoch eher beschleunigt. (lichtsprache-online.com)
Mit dem Wegfall des Geldsystems kämen auch Banken und Finanzmärkte zum Stillstand. Während dies für die bisherigen Macht- und Besitzstrukturen einen tiefen Einschnitt bedeuten würde, wird es aus dieser Perspektive für viele Menschen als Befreiung verstanden – als Ende einer als „Knechtschaft“ empfundenen Abhängigkeit vom Geld. (lichtsprache-online.com)
Der Wandel betrifft dabei nicht nur die Wirtschaft, sondern die gesamte gesellschaftliche Ordnung. Die Menschen beginnen, sich von alten Denk- und Lebensmustern zu lösen und erkennen, in welchen Bereichen sie durch bestehende Systeme in ihrer natürlichen Entwicklung eingeschränkt waren. (lichtsprache-online.com)
An die Stelle eines geldbasierten Systems tritt in dieser Vision eine Form des Zusammenlebens, die stärker auf Bewusstsein, Kooperation und gemeinschaftliches Handeln ausgerichtet ist. Bedürfnisse werden nicht mehr über Geld organisiert, sondern direkt durch Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung erfüllt.
Hier geht’s zum Artikel auf der Lichtsprache-Seite…
Doch so überzeugend die Vision einer Gesellschaft ohne Geld für viele klingen mag – sie wirft auch eine praktische Frage auf:
Wie könnte ein solcher Übergang konkret aussehen?
Zwischen dem heutigen Finanzsystem und einer möglichen geldfreien Zukunft liegt ein weiter Weg. Genau hier setzen Modelle an, die versuchen, neue Formen des Wirtschaftens schrittweise erlebbar zu machen.
Eines dieser Modelle ist Gradido – ein Ansatz, der sich als Brücke versteht zwischen der bestehenden Ordnung und einer Wirtschaft, die stärker auf Kooperation und natürliche Kreisläufe ausgerichtet ist.
Gradido orientiert sich dabei an den Prinzipien der Natur. In natürlichen Kreisläufen gibt es kein dauerhaftes Anhäufen, sondern ein ständiges Werden und Vergehen. Genau dieses Prinzip wird auf Wirtschaft und Geld übertragen.
Im Gegensatz zum heutigen Schuldgeldsystem entsteht Geld hier ohne Schulden. Für jeden Menschen werden regelmäßig neue Einheiten geschaffen – als sogenanntes „Aktives Grundeinkommen“ für Gemeinwohltätigkeit auf Guthabenbasis.
Gleichzeitig unterliegt das Geld einer bewussten „Vergänglichkeit“: Ein Teil der Guthaben verfällt regelmäßig. Dadurch soll verhindert werden, dass Reichtum angehäuft wird und Ungleichgewichte entstehen. Und die Geldmenge bleibt stabil.
Der zentrale Gedanke dahinter: Wirtschaft soll nicht auf Konkurrenz und Mangel beruhen, sondern auf Kooperation und gegenseitiger Wertschätzung.
Gradido versteht sich damit nicht als endgültige Lösung, sondern als Brückensystem: Ein Modell, das die Probleme des bestehenden Geldsystems entschärfen und gleichzeitig den Übergang zu einer stärker gemeinschaftlich organisierten Gesellschaft ermöglichen soll. Langfristig zielt die Idee auf eine Welt, in der wirtschaftliches Handeln nicht mehr durch Geld bestimmt wird, sondern durch das, was Menschen wirklich beitragen und miteinander gestalten wollen.
Zur Internetseite gradido.net
Mit Frankfurt erreichte ich nicht nur geografisch einen neuen Abschnitt meiner Reise, sondern auch innerlich einen Wendepunkt. Nach den Tagen in Natur, in kleinen Orten und bei Menschen, die ihre eigenen Wege gingen, stand ich nun in einer Stadt, in der sich viele der großen Fragen unserer Zeit bündeln: Geld, Macht, Systeme – und die Suche nach Alternativen.
Hier traf ich auf Protest und Aufbruch zugleich. Auf der einen Seite eine Demonstration, die kaum Resonanz fand. Auf der anderen ein Camp, in dem Menschen versuchten, neue Formen des Zusammenlebens praktisch zu erproben. Und dazwischen die Gedanken an mögliche Entwicklungen: Zusammenbruch, Wandel, neue Systeme, neue Formen von Gemeinschaft.
All das stand nicht getrennt nebeneinander, sondern schien Teil eines größeren Prozesses zu sein – eines Übergangs, dessen Richtung noch offen ist. Vielleicht war genau das die eigentliche Erfahrung dieser Etappe:
Nicht die Antworten sind entscheidend, sondern die Fragen, die sich stellen. Und die Erkenntnis, dass Veränderung nicht irgendwo beginnt – sondern immer dort, wo Menschen anfangen, ihr eigenes Leben bewusst zu gestalten.