Etappe 22: Königstein im Taunus → Wiesbaden

Stadtschloss Wiesbaden - Sitz des Hessischen Landtags

Datum: Dienstag, 12. Juni 2012
Route: Schneidhain → Liederbach-/Fischbachtal → Eppstein → Wiesbaden
Strecke: 25,5 km
Im Buch: Kapitel 9, Seite 58


Der Weg von Königstein nach Wiesbaden führt entlang des Taunusrandes – einer Übergangszone zwischen der offenen Rhein-Main-Ebene und den bewaldeten Höhen des Taunus. Die Landschaft wirkt zunächst ruhig und abwechslungsreich, doch für Fußgänger ist die Strecke oft weniger eindeutig, als sie auf der Karte erscheint. Wege verlaufen parallel zu Straßen, entfernen sich wieder, enden plötzlich oder führen in andere Richtungen.

An der Route

Zwischen Königstein und Eppstein führt ein Radweg durch die Täler des Taunus, vorbei am Stadtteil Schneidhain und entlang von Liederbach und Fischbach. Auf der Karte wirkt diese Verbindung klar und durchgehend – in der Realität zeigt sich jedoch ein anderes Bild.
Der Weg wechselt mehrfach seinen Charakter: asphaltierte Abschnitte gehen in geschotterte Wege über, führen wieder zurück auf festen Untergrund oder verlieren sich zwischen Feldern und Waldstücken. Teilweise verläuft er parallel zur Bundesstraße, entfernt sich dann wieder von ihr und taucht später unvermittelt erneut auf.
Für Radfahrer mag das abwechslungsreich sein – für mich wurde es mit dem beschädigten Langstock zu einer echten Herausforderung. Orientierung und Untergrund waren ständig im Wandel.

Die Burg Eppstein

Eppstein – Burg, Enge und langsames Vorankommen

Mit Eppstein erreichte ich einen der typischen Orte im Taunus: eng in ein Tal gebaut, mit einer Burg hoch über der Stadt und dicht gedrängten Häusern entlang der Straße. Das Navi führte mich mitten hindurch, über Kopfsteinpflaster und durch schmale Passagen, vorbei an der Burg Eppstein, die über dem Ort thront.
Was für viele reizvoll und historisch wirkt, wurde für mich zur Herausforderung. Ohne die Gleitkugel am Langstock blieb die Spitze immer wieder in den Fugen des Pflasters hängen. Jeder Schritt musste vorsichtig gesetzt werden, sodass ich deutlich langsamer vorankam.
Die Enge des Ortes, die unregelmäßige Oberfläche und der beschädigte Stock kamen zusammen – und machten aus einem eigentlich kurzen Abschnitt einen spürbar anstrengenden Teil der Strecke.

Zwischen Eppstein und Wiesbaden – Übergang in den Ballungsraum

Hinter Eppstein verläuft die Strecke überwiegend entlang der B455, einer der wichtigsten Verkehrsachsen durch den Taunus. Für Fußgänger bedeutet das: wechselnde Wegführungen zwischen Straße, Radwegen und Nebenwegen, die nicht immer klar ausgeschildert sind. Und auch mein Navi hatte nicht immer die richtigen Hinweise parat.
Mit zunehmender Nähe zu Wiesbaden verändert sich die Struktur deutlich. Die offene Landschaft geht in eine Abfolge von Vororten über, in denen sich Wohngebiete, Verkehrsflächen und Infrastruktur mischen. Orte wie Bremthal sowie die Wiesbadener Stadtteile Naurod und Auringen stehen exemplarisch für diesen Übergangsraum.
Typisch für diesen Abschnitt sind lange Gehwegstrecken entlang von Straßen, oft mit uneinheitlicher Oberfläche und zahlreichen Unterbrechungen. Die Wege sind funktional, aber nicht auf durchgehende Fußgängerführung ausgelegt. So entsteht ein Bereich, der weniger durch klare Linien als durch Übergänge geprägt ist – zwischen Land und Stadt, zwischen Orientierung und Improvisation.

Wiesbaden – politischer Bezug und reale Erfahrungen

Wiesbaden war für mich nicht nur ein Etappenziel, sondern ursprünglich auch ein bewusst gewählter politischer Bezugspunkt. Im Vorfeld hatte ich alle im Hessischen Landtag vertretenen Fraktionen angeschrieben, um meine Wanderung vorzustellen und vielleicht ins Gespräch zu kommen. Eine Reaktion blieb jedoch aus. So änderte sich der Plan – und aus der Idee eines politischen Austauschs wurde ein anderer Weg durch die Stadt.
Der Weg in die Stadt hinein führte über lange Strecken entlang von Straßen und durch Vororte, bis ich schließlich das Zentrum erreichte. Die letzten Kilometer waren durch die vielen Hindernisse und den beschädigten Langstock besonders anstrengend. Kurz vor dem Ziel kam es dann noch zu einem Zusammenstoß mit einem abbiegenden Bus – glimpflich ausgegangen, aber ein deutlicher Moment der Erschöpfung und Unachtsamkeit.
Am Abend fand in den Räumen von Regional-Vision eine Veranstaltung statt, die trotz sehr kurzfristiger Einladung zustande kam. In kleiner Runde entwickelten sich intensive Gespräche, die einmal mehr zeigten, dass echte Begegnung nicht von der Anzahl der Teilnehmenden abhängt, sondern von der Offenheit, sich aufeinander einzulassen.

Regional-Vision – gelebte Ansätze jenseits des Systems

Regional-Vision ist ein gemeinnütziger Verein, der sich mit der Frage beschäftigt, wie regionale Wirtschaft und gesellschaftliches Zusammenleben neu gestaltet werden können. Im Mittelpunkt steht die Idee, dass nachhaltige Entwicklung nicht von zentralen Strukturen ausgehen muss, sondern aus den Regionen selbst entstehen kann – getragen von den Fähigkeiten, der Verantwortung und der Zusammenarbeit der Menschen vor Ort.
Der Ansatz ist bewusst ganzheitlich gedacht. Wirtschaft wird nicht isoliert betrachtet, sondern im Zusammenhang mit Bildung, Gemeinschaft, Umwelt, Kultur und persönlicher Entwicklung. Ziel ist es, regionale Kreisläufe zu stärken, selbstständige Existenzen zu fördern und Formen des Austauschs zu entwickeln, die über klassische Markt- und Geldsysteme hinausgehen.
Ein wichtiger Gedanke dabei ist, dass jeder Mensch eigene Fähigkeiten und Ressourcen einbringt, die im Zusammenspiel mit anderen wirksam werden. Gemeinschaft entsteht hier nicht als abstraktes Konzept, sondern durch gelebte Kooperation im Alltag. Daraus sollen Strukturen wachsen, die sowohl ökonomisch tragfähig als auch sozial und ökologisch ausgewogen sind.
Regional-Vision versteht sich dabei nicht nur als Theorie, sondern als praktischer Versuch, Alternativen sichtbar und erlebbar zu machen. Dazu gehören auch Überlegungen zu ergänzenden Tausch- und Geldsystemen sowie zu neuen Formen der Organisation von Arbeit und Versorgung.
Die zugrunde liegende Vision lässt sich in einem Satz zusammenfassen:
„Alle Menschen leben frei und selbstbestimmt in einer füreinander verantwortlichen Gemeinschaft – in Fülle und mit Wertschätzung.“
Zur Internetseite von Regionalvision

Gedanken zum Tag

Der Weg von Königstein nach Wiesbaden war weniger durch seine Länge anspruchsvoll als durch die vielen kleinen Brüche unterwegs. Wege, die anders verliefen als erwartet, ein Stock, der nicht mehr richtig funktionierte, und eine Umgebung, die immer unübersichtlicher wurde.
Vielleicht war genau das die Erfahrung dieser Etappe: dass nicht alles planbar ist – und dass sich der Weg manchmal gerade dann zeigt, wenn man bereit ist, von der ursprünglichen Vorstellung loszulassen.
Zwischen Natur, Vorstadt und Stadt wurde spürbar, wie Übergänge nicht nur im Außen stattfinden, sondern auch im eigenen Erleben. Und dass Orientierung nicht immer bedeutet, den richtigen Weg zu kennen – sondern weiterzugehen, auch wenn er sich erst unterwegs klärt.