Etappe 24: Heidenrod-Laufenselden → Pohl

Datum: Donnerstag, 14. Juni 2012
Route: Laufenselden → Althausen an der Heide → Miehlen → Pohl (Marienfels)
Strecke: 22 km, davon 12,5 gelaufen
Im Buch:Kapitel 9, Seite 61


Der Weg führte überwiegend auf Wanderwegen durch den Taunus. Abseits der großen Straßen wurde die Strecke ruhiger – aber nicht unbedingt einfacher. Orientierung entstand weniger durch klare Wegführung als durch Aufmerksamkeit, Nachfragen und das Vertrauen, den richtigen Weg auch ohne vollständige Übersicht zu finden.

An der Route

Orientierung – zwischen Vorstellung und Wahrnehmung

Die Strecke führte überwiegend auf Wanderwegen durch den Wald. Dabei zeigte sich einmal mehr, wie unterschiedlich Wegbeschreibungen ausfallen können – je nachdem, ob sie sich an Sehenden oder an tatsächlicher Orientierung im Raum ausrichten.
In Althausen an der Heide erhielt ich zunächst eine typische Auskunft: „Da vorne rechts runter und dann am Schwimmbad vorbei.“ Was für Ortskundige eindeutig ist, bleibt ohne visuelle Anhaltspunkte oft unklar – besonders dann, wenn unmittelbar weitere Abzweigungen folgen.
Wenig später bekam ich eine ganz andere Art der Wegbeschreibung. Ein Bauer erklärte mir den weiteren Verlauf so, dass ich mich an Gerüchen, Strukturen und tastbaren Merkmalen orientieren konnte: vorbei an Pferden, an einer Bank, dann ein Weg mit zwei Fahrspuren und Grasstreifen, schließlich ein geschotterter Wanderweg.
Diese Beschreibung war für mich unmittelbar nachvollziehbar – nicht über Bilder, sondern über konkrete, wahrnehmbare Hinweise. Sie zeigte, wie Orientierung auch jenseits visueller Vorstellungen funktionieren kann.
Eine kurze Begegnung am Straßenrand machte zugleich deutlich, wie ungewohnt diese Form der Wahrnehmung für viele Menschen ist. Dass ich mein Gegenüber beim Sprechen direkt „anschaute“, irritierte zunächst – bis ich erklärte, dass ich mich an der Stimme orientiere.

Limeskastell in Pohl

Pohl – Leben an einer alten Grenze

Mit Pohl erreichte ich einen Ort, der auf eine ganz andere Weise mit dem Thema Grenze verbunden ist. Hier verlief vor rund 2000 Jahren der obergermanisch-rätische Limes – die Außengrenze des Römischen Reiches.
In Pohl befand sich ein Kleinkastell, in dem römische Soldaten stationiert waren, um den Grenzabschnitt zu überwachen. Der Limes bestand aus einem System von Palisaden, Gräben und Wachtürmen und zog sich über viele hundert Kilometer durch das Land.
Dabei war er nicht nur Trennlinie, sondern auch Übergang. Hier wurde kontrolliert, wer passieren durfte, Waren wurden gehandelt, Kontakte entstanden. Zwei Welten trafen aufeinander – verbunden durch eine Grenze, die zugleich trennte und verband.
Heute ist an dieser Stelle ein rekonstruiertes Kastell entstanden, das einen Eindruck davon vermittelt, wie das Leben an dieser Grenze ausgesehen haben könnte.
Der Ortsname „Pohl“ geht vermutlich auf den Begriff „Pfahl“ zurück und erinnert damit bis heute an diese historische Grenzanlage.

Der Weg wird öffentlicher

Bei meinem Gastgeber Karl-Heinz in Pohl traf ich Günther Sauer vom Schildverlag, der mich für einen Artikel in seinem Blog interviewte. Er beschäftigt sich mit gesellschafts- und systemkritischen Themen die dazu beitragen, Fragen zu stellen, die im öffentlichen Diskurs oft zu kurz kommen.
Der aus dem Gespräch entstandene Beitrag greift meine Wanderung und ihre Hintergründe aus einer deutlich positionierten Perspektive auf und zeigt, wie unterschiedlich der Weg von außen wahrgenommen werden kann.
Zum Artikel im Presseecho

Gedanken zum Tag

An diesem Tag ging es weniger um Strecke als um Orientierung. Der Weg ließ sich nicht einfach vorgeben, sondern entstand Schritt für Schritt – durch Wahrnehmung, durch Nachfragen und durch die Bereitschaft, sich auf das einzulassen, was gerade da war.
Gleichzeitig wurde mit dem Limes ein Bild sichtbar, das weit über diesen Ort hinausweist: Grenzen erscheinen oft als klare Linien. Doch in Wirklichkeit sind sie Räume des Übergangs – Orte, an denen sich entscheidet, was getrennt bleibt und was miteinander in Beziehung tritt.
Vielleicht gilt das auch für den eigenen Weg. Dass Orientierung nicht darin besteht, eine Linie zu verfolgen, sondern darin, die Übergänge wahrzunehmen – und sich in ihnen zurechtzufinden.