Datum: Sonntag, 17. Juni 2012
Route: Koblenz → Mülheim-Kärlich → Weißenturm → Sinzig
Strecke: 28,5 km, davon 14 gelaufen
Im Buch: Kapitel 10, Seite 65
Herbert Weber aus Eggstätt (bei uns zu Hause um die Ecke) hatte mir einen sogenannten Rikscha-Wanderanhänger nach Sinzig geschickt. Er ist mit zwei langen Stangen mit Handgriffen ausgestattet,die man bequem seitlich vom Körper führen kann. Zusätzlich kann man ihn mit einem gepolsterten Gurt um die Hüfte schnallen. Außerdem hat er größere, luftbereifte Räder, die einen noch leichteren Lauf vor allem auch auf holprigen Wegen gewährleisten.
Weber Technik

Das Gebiet des heutigen Mülheim-Kärlich gehört zu den ältesten von Menschen besiedelten Landschaften Deutschlands. Funde von Faustkeilen und Werkzeugen aus der Altsteinzeit belegen, dass hier bereits vor rund 400.000 Jahren Menschen lebten.
Über viele Jahrhunderte hinweg blieb die Region landwirtschaftlich geprägt. Bis heute ist sie eines der größten zusammenhängenden Obstanbaugebiete der Umgebung, bekannt vor allem für ihre Kirschen.
Diese Verbindung von Natur, Landwirtschaft und Kulturlandschaft wird im Obstlehrpfad besonders anschaulich: Auf einer Fläche von rund 12.500 Quadratmetern werden hier mehr als 250 verschiedene Obstarten vorgestellt – von klassischen Kirschbäumen bis zu seltenen Sorten. Im Frühjahr verwandelt sich die Region in ein weithin sichtbares Blütenmeer.
Im 19. Jahrhundert kamen mit dem Abbau von Bims und Ton weitere Wirtschaftszweige hinzu. Der Tonabbau entwickelte sich von aufwendiger Handarbeit unter Tage – die von 200 bis 300 Männern geleistet werden musste – hin zu industriellem Tagebau, der heute von nur noch 4 bis 5 Personen bewältigt wird.
Seit den späten 1960er Jahren wandelte sich das Bild erneut grundlegend. Durch die verkehrsgünstige Lage entstand ein großflächiges Gewerbegebiet, das heute zu den größten in der Region zählt. Handel, Dienstleistungen und produzierendes Gewerbe ergänzen seither die traditionellen Wirtschaftsformen von Landwirtschaft und Rohstoffabbau.
In diese Phase industrieller und wirtschaftlicher Entwicklung fällt auch der Bau des Kernkraftwerks Mülheim-Kärlich. Doch anders als an anderen Standorten – etwa in Grundremmingen – brachte dieses Großprojekt der Region keinen vergleichbaren wirtschaftlichen Aufschwung.
Das Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich liegt am linken Rheinufer, nur wenige Kilometer nordwestlich von Koblenz. Es war das einzige Atomkraftwerk in Rheinland-Pfalz – und zugleich eines der ungewöhnlichsten in Deutschland.
Gebaut wurde die Anlage zwischen 1975 und 1986. Mit einer Leistung von rund 1300 Megawatt gehörte sie zu den großen Kraftwerken ihrer Zeit. Doch von Anfang an war der Standort umstritten: Das Werk liegt im Neuwieder Becken, einer Region mit erhöhter Erdbebengefahr und in der Nähe vulkanischer Aktivität. Besonders problematisch war eine bauliche Veränderung während der Bauphase: Das Reaktorgebäude wurde um etwa 70 Meter verschoben – allerdings ohne ein vollständig neues Genehmigungsverfahren. Genau dieser formale Fehler wurde später entscheidend. Das Kraftwerk ging 1986 in Betrieb, musste jedoch bereits 1988 – nach nur kurzer Laufzeit – aufgrund eines Gerichtsurteils wieder abgeschaltet werden. Der Grund waren Mängel im Genehmigungsverfahren, nicht technische Defekte.
Damit wurde Mülheim-Kärlich zu einem der teuersten Fehlschläge der deutschen Energiegeschichte: Milliardeninvestitionen standen einer Betriebszeit von nur wenigen Monaten gegenüber. In den folgenden Jahren wurde zwar versucht, die Genehmigung nachträglich zu sichern, doch auch diese Versuche scheiterten vor Gericht. Das Kraftwerk ging nie wieder ans Netz. Seit 2004 wird die Anlage schrittweise zurückgebaut. Der markante Kühlturm wurde 2019 abgerissen, der vollständige Rückbau soll bis Ende der 2020er Jahre abgeschlossen sein.
So bleibt Mülheim-Kärlich vor allem als Symbol: für die Konflikte um die Atomenergie, für juristische Auseinandersetzungen – und für ein Großprojekt, das letztlich nie wirklich in Betrieb war.
Vielleicht zeigt sich darin etwas Grundsätzliches: Je komplexer Strukturen werden, desto anfälliger werden sie für Brüche. Und oft sind es nicht die großen Ideen, sondern die kleinen Unstimmigkeiten, die am Ende entscheidend sind.


Eigentlich wollte ich an diesem Tag bis Andernach gehen – eine Stadt, die in den letzten Jahren durch ein ungewöhnliches Konzept bekannt geworden ist: die „Essbare Stadt“. Aus terminlichen Gründen wurde daraus nichts, doch der Gedanke dahinter begleitet mich bis heute.
Seit 2010 verfolgt Andernach einen Ansatz, der auf den ersten Blick einfach wirkt – und doch weitreichende Fragen aufwirft: Öffentliche Grünflächen werden nicht mehr nur bepflanzt, um schön auszusehen, sondern um genutzt zu werden. Gemüse, Kräuter und Obst wachsen mitten in der Stadt – und alle dürfen ernten.
Statt „Betreten verboten“ heißt es hier bewusst: „Pflücken erlaubt“.
Was zunächst wie ein kleines Projekt wirkt, ist in Wirklichkeit ein Perspektivwechsel. Die Stadt versteht ihre Flächen nicht mehr nur als Dekoration, sondern als gemeinschaftlich nutzbaren Raum. Pflege und Bewirtschaftung erfolgen unter anderem durch städtische Betriebe und soziale Projekte – etwa durch Langzeitarbeitslose, die so neue Perspektiven erhalten.
Die Idee dahinter ist ebenso einfach wie grundlegend: Nahrung ist kein abstraktes Produkt aus dem Supermarkt, sondern wächst direkt vor Ort. Und wenn Menschen wieder erleben, wo ihre Lebensmittel herkommen, verändert sich auch ihr Verhältnis zu Natur, Gemeinschaft und Verantwortung.
So steht Andernach beispielhaft für einen Ansatz, der über Stadtplanung hinausgeht. Es geht nicht nur um Gemüsebeete, sondern um die Frage, wie wir miteinander leben wollen – und wie viel wir selbst gestalten können, wenn wir beginnen, Verantwortung wieder vor Ort zu übernehmen.
Zur Internetseite der Essbaren Stadt Andernach
Der Ausgangspunkt dieser Bewegung ist das im englischen Ort Todmorden von den zwei Endfünfzigerinnen Mary Clear und Pam Warhurst, initiierte Projekt „Incredible Edible“. Hier sind zwei gute Artikel darüber:
- Todmorden: Die unglaublich essbare Stadt (sein.de)
- Die Essbare Stadt (Der Beobachter, Schweiz)
Die Idee der „essbaren Stadt“ hat sich in den letzten Jahren stark verbreitet. Während es um 2015 in Deutschland noch rund 50 bis 60 entsprechende Projekte gab, sind es heute – je nach Definition – deutlich über 100 Initiativen, die sich diesem Ansatz zuordnen lassen.
Dabei reicht die Spannweite von einzelnen Gemeinschaftsgärten bis hin zu stadtweiten Konzepten wie in Andernach.
Zwei Orte, die ich auf meiner Wanderung durchquert habe, haben inzwischen ebenfalls das Konzept aufgegriffen:
Haar zum anbeißen
Essbares Darmstadt e.V.
Und auch die Sonnenäcker z.B. in Gröbenzell gehören ja dazu.
Parallel zu Projekten wie der „Essbaren Stadt“ haben sich in vielen Städten Bewegungen entwickelt, die den öffentlichen Raum auf eigene Initiative neu nutzen. Unter dem Begriff „Urban Gardening“ entstehen Gemeinschaftsgärten auf brachliegenden Flächen, in Hinterhöfen oder auf ehemaligen Industriegeländen. Menschen bauen dort gemeinsam Gemüse an, tauschen Wissen aus und schaffen Orte der Begegnung mitten in der Stadt.
Eine besonders spontane Form davon ist das sogenannte „Guerilla Gardening“. Dabei werden oft ohne offizielle Genehmigung kleine Flächen bepflanzt – Verkehrsinseln, Baumscheiben oder ungenutzte Randbereiche. Was zunächst wie ein stiller Protest wirkt, ist zugleich ein kreativer Impuls: Die Stadt wird nicht nur genutzt, sondern aktiv gestaltet.
Interessant ist, dass auch die Initiative im englischen Todmorden, die als Ausgangspunkt vieler „Essbarer Städte“ gilt, aus genau diesem Umfeld hervorgegangen ist. Einer der Mitbegründer war selbst im Guerilla Gardening aktiv – ein Hinweis darauf, dass viele dieser Entwicklungen ihren Ursprung nicht in offiziellen Konzepten haben, sondern in konkretem Handeln vor Ort.
Vom 18. bis 26. Juni fand im FPZ Eifeldorf in Bad Breisig ein internationales Jugendprojekt unter dem Motto „Ganz Deutschland versinkt im Stress – nur ein kleines Eifeldorf leistet noch Widerstand!“ statt.
Das Eifeldorf wurde so gestaltet, dass es an ein Dorf der Eifel vor rund 100 Jahren erinnert. Ziel ist es, jungen Menschen neben gemeinsamen Aktivitäten auch Werte jenseits von Konsum und Beschleunigung erfahrbar zu machen – durch gemeinsames Leben, Austausch und einfache Formen des Miteinanders.
Ich war eingeladen, vor einer Gruppe von rund 20 Jugendlichen aus Sinzig und Ungarn von meiner Reise und meinen Visionen zu erzählen. Da die ungarischen Jugendlichen nur Englisch sprachen, war es für mich zugleich eine gute Gelegenheit, mich auf die kommenden Etappen Richtung Belgien und Brüssel einzustimmen. Die Aufmerksamkeit war spürbar – und die Gespräche entwickelten sich offen und interessiert.
Und wie so oft auf dieser Reise ergaben sich daraus ganz unerwartete Verbindungen: In der ungarischen Gruppe war auch eine junge Frau aus Belgien, die derzeit in Ungarn lebt. Sie bot mir an, Kontakte in Brüssel zu vermitteln – unter anderem zu Journalistinnen und Journalisten aus Presse und Fernsehen. Außerdem war ein Besuch des EU-Parlaments geplant!
Auch darüber hinaus entstanden neue Impulse: Die Begleiterin der ungarischen Gruppe plante ein Interview für eine internationale Internetradiostation, und ein weiterer Teilnehmer wollte über meine Reise in einer Frankfurter Jugendzeitung berichten.
So zeigte sich einmal mehr, wie sich Dinge entwickeln können, wenn man sich auf den Weg macht: Begegnungen entstehen, Verbindungen wachsen – und Schritt für Schritt öffnen sich neue Türen.
Zum FPZ Eifeldorf Bad Breisig