WDR-Fernsehen: Lokalzeit Aachen (23. Juni 2012)

Die in Brüssel sehen nicht, was schief läuft, sagt einer, der selbst kaum noch etwas sehen kann. Er hat sich auf den Weg gemacht, um als Blinder den Europapolitikern die Augen zu öffnen. Sie lernen ihn gleich kennen – nach der Vorschau.
Gut, unsere Kicker gestern Abend, die sind schon beachtlich rumgelaufen auf dem Platz. Respekt. Aber mit Verlaub: nichts gegen Stefan Nathan Lange. 900 Kilometer hat er sich vorgenommen, und dabei ist er gar kein Fußballspieler. Und Stefan Nathan Lange ist nahezu blind. Vom Chiemgau bis nach Brüssel will er laufen, um mit den EU-Parlamentariern zu sprechen. Heute, nach 750 Kilometern strammen Fußmarsches, war Aachen sein Ziel.
„Wohin will er? Hast du das gesehen? Nach Brüssel. Der ist ja verrückt.“
„Und? Sind Sie verrückt?“
„Ich bin nicht verrückt. Ich bin entschlossen.“
Er ertastet sich seinen Weg von Bayern nach Brüssel. Zwei Drittel der Strecke hat er schon geschafft. Stefan Nathan Lange ist erleichtert: Endlich ist er in der Domstadt angekommen. Er fällt auf – und genau das will er auch.
Eine Passantin sagt: „Ich finde es super. Ich finde es klasse. Ist er wirklich von Bayern? Jetzt schon hier hoch? Na, wenn er das bald geschafft hat, finde ich das großartig.“
Und geschafft ist der Wanderer auch von der letzten Etappe. Der achtstündige Fußmarsch von Euskirchen nach Aachen war anstrengend, nicht nur für jemanden, der nur Hell und Dunkel unterscheiden kann. Den wunderschönen Aachener Dom kann Stefan Nathan Lange nur erfühlen. Doch ohnehin ist für ihn der Weg das Ziel: Menschen unterwegs auf sich aufmerksam zu machen und mit ihnen über Europapolitik zu diskutieren. Und das klappt auch auf Anhieb.
„Und dann kommt natürlich das Ziel in Brüssel. Da geht es dann weniger darum, die Menschen vom Volk zu erreichen, sondern die Menschen, die meinen, uns lenken zu müssen. Wo ich eher der Meinung bin: Sie sollten mal gucken, was brauchen wir wirklich – und danach handeln. Und nicht die Krümmung der Bananen oder die Glühbirnen abschaffen und dafür die giftigen Energiesparlampen einführen. Und so weiter.“
Bewusstsein schaffen in der Politik will er – und das schon seit fünfeinhalb Wochen. Damals hatte Stefan Nathan Lange in seiner bayerischen Heimat die spontane Idee und setzte sie sofort in die Tat um. Viel Gepäck hat er nicht. Übernachtet wird bei Bekannten und Unterstützern. Immer mit dabei ist sein Blindenstock – aber auch moderne Technik.
„Für unterwegs ist natürlich das wichtigste Hilfsmittel das Navigationsgerät, das mir immer sagt, wo ich gerade bin und wo ich abbiegen muss. Ohne das geht es natürlich gar nicht.“
So läuft er weiter für Demokratie und Bürgernähe. Ein blinder, streitbarer Pilger auf dem Weg nach Brüssel. Meist allein, aber zielstrebig. Auch auf den letzten 150 Kilometern – in einer Woche will er am Ziel sein. Und dafür hat er noch einen großen Wunsch.
„Ich würde gerne mit vielen Menschen laufen. Und wenn ich nicht alleine in Brüssel einlaufe, sondern vielleicht zehn, zwanzig, fünfzig mitlaufen – das wäre natürlich ganz toll.“