Blinder Wanderer unterwegs nach Brüssel (Rheinzeitung Ahrweiler, 27. Juni 2012)

Aktion: Stefan Nathan Lange will 900 Kilometer lange Strecke zurücklegen – Zwischenstopp in Bad Breisig
RZ Bad Neuenahr-Ahrw. vom Mittwoch, 27. Juni 2012, Seite 9
Von unserer Mitarbeiterin Judith Schumacher
Bad Breisig. Blind zu sein, hielt Stefan Nathan Lange nicht davon ab, sich zu Fuß auf eine 900 Kilometer lange Wanderung vom Chiemsee bis nachBrüssel ins Europaparlament zu begeben. Dort wollte er sich für eine bessere Welt einsetzen. Der Wanderer, der seit dem 15. Mai unterwegs ist, machte jetzt im Eifeldorf FZP (Freizeitpädagogisches Zentrum) Bad Breisig Station, um dort mit deutschen und ungarischen Jugendlichen während einer Begegnungswoche des Sinziger Jugendzentrums HoT über seine Mission zu sprechen.
Die Mädchen und Jungen im Alter von 13 bis 18 Jahren zeigten sich gehörig beeindruckt von dem willensstarken 51-Jährigen, der über seine Beweggründe und die bisherige Etappe sprach. Er sagte: „Es war eine ganz spontane Idee, weil ich einfach nicht mehr untätig akzeptieren wollte, was in Brüssel geschieht. Ich möchte die Entscheidungsträger im Europaparlament sinngemäß daran erinnern, dass sie für das Volk da sind und nicht für die großen Konzerne.“
Für Lange ist zudem der Weg das Ziel. Unterwegs zu sein wie ein Pilger, Menschen zu begegnen und Muße zu haben für sich selbst, genießt er in den rund sieben Wochen, in denen er täglich 20 bis 30 Kilometer zurücklegt. „Ich möchte Menschen bewegen, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen und ihre Verantwortung nicht an Politiker oder sonst wen abzugeben.“
Nur weil er blind ist, will er nicht die Augen vor Missständen verschließen. „Es gibt viele Möglichkeiten für jeden, mit kleinen Schritten anzufangen, etwas zu verändern. Dazu darf man nicht auf Vergangenes blicken, auf das, was man vielleicht falsch gemacht oder verpasst hat. Sondern man muss sich klar machen: Ich lebe jetzt, und jetzt gilt es auch, etwas zu tun“, gab er den Jugendlichen mit auf den Weg.
Wenn jeder bei sich aufräume, könne man auch wieder zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen, die systematisch zerschlagen worden sei.
„Es gibt keine Großfamilien mehr, zu viele Alleinerziehende“, meinte Lange. „Kinder werden ihren Eltern völlig entfremdet, indem man sie möglichst früh in Kindergärten unterbringt. Einzelne sind leichter zu beherrschen als Gemeinschaften, die eher in der Lage sind zu sagen: Da machen wir nicht mit.“
Den Kontakt zum HoT vermittelte ihm der Sinziger Michael Lambert, ein Schulfreund aus Kölner Berufskolleg-Tagen. Lange ist gebürtiger Dortmunder und in Laichlingen aufgewachsen. Das für den Wanderer berührendste Erlebnis seiner bisherigen Etappe hatte er in Frankfurt: Nachdem er in der von Kreuzungen durchzogenen Großstadt am Main entlanggegangen war, brach ihm die Spitze seines Blindenstocks ab, die er vergeblich suchte. „Da erinnerte ich mich, was ich einmal gelernt habe, und bat den Himmel, dass er mir bald Hilfe schicken möge. Und es hat keine drei Minuten gedauert, als mir eine junge Frau, die mich aus einem Fenster heraus bemerkt hatte, aus der Patsche half.“
Mit ihrer Hilfe gelangte er zum Bahnhof, legte eine Strecke mit dem Zug zurück und erhielt einen per Internet bestellten Ersatzstock. Mit diesem macht er sich nun auch auf, um die weiteren Stationen zu erreichen: Euskirchen, Düren, Stolberg, Aachen weiter über Maastricht und schließlich Brüssel, wo er spätestens am 3. Juli sein möchte. Dort wird man auf Stefan Lange schon in gewisser Weise vorbereitet sein: Denn die ungarischen Jugendlichen vom HoT werden noch in dieser Woche eine Tour ins Europäische Parlament unternehmen.