Pittenhart. Sieben Wochen lang, von Mitte Mai bis Anfang Juli, ist Stefan Nathan Lange aus Pittenhart-Oberbrunn zu Fuß vom Chiemgau bis nach Brüssel gewandert. Und das, obwohl er fast blind ist. Der 51-Jährige hatte seinen 900 Kilometer langen Marsch quer durch Deutschland und Holland bis zum Europaparlament unter das Motto „Wir nehmen unser Leben in die eigenen Hände -Bewusst Sein, Miteinander füreinander" gestellt.
Lange hatte eine starke innere Motivation: „Obwohl ich fast blind bin, verschließe ich nicht die Augen vor dem, was in der Welt nicht in Ordnung ist! Ich will mich jedoch nicht damit aufhalten, die Missstände aufzuzählen, sondern positiv beschreiben, wie ich mir eine menschliche Welt vorstelle und zeigen, wie wir, das Volk, unser Leben wieder in die eigenen Hände nehmen und uns aus dem Über-lebens-Modus herausbewegen, uns aus dem Klammergriff des Macht- und Geld-Systems lösen können."
Mit den Worten Mahatma Gandhis verleiht der gelernte Informatiker, der inzwischen als schamanischer Thera-peut arbeitet, seiner Aussage Nachdruck: „Der Unterschied zwischen dem, was wir tun, und dem, was wir in der Lage wären zu tun, würde genügen, um die meisten Probleme der Welt zu lösen."
Und Lange hat gezeigt, zu was er in der Lage ist: Von den insgesamt 900 Kilometern, die er in sieben Wochen zurückgelegt hat, ist er 640 Kilometer gelaufen. Meistens ohne Begleitung. Den Weg hat ihm ein spezielles Navigationsgerät für blinde Fußgänger gewiesen. Mit einem weißen Langstock hat er sich am Wegrand entlang getastet auch an stark befahrenen Straßen ohne Fuß- und Radweg. Abgesehen von blauen Flecken und Schrammen, die er von Begegnungen mit Hindernissen wie Baustellenschildern, Blumenkübeln oder geparkten Autos davongetragen hat, ist ihm dabei nichts zugestoßen.
„Ich hatte von Anfang an keinen Zweifel, dass ich das machen würde. Und auch unterwegs gab es nicht eine Sekunde, wo ich aufgeben wollte", resümiert der Pittenharter. Immer, wenn es mal nicht so richtig weiterging, war schnell Hilfe zur Stelle - sogar, als er einmal mitten in einem Getreidefeld stand. Am Ziel seiner langen Wanderung angekommen, gelang es ihm, innerhalb von 48 Stunden einen Termin bei dem ungarischen EU-Kommissar Laslow Andor zu erhalten, der für die Bereiche Arbeit, Soziale Angelegenheiten und Integration zuständig ist. Seit einem Jahr ist in' seinem Kabinett das Thema Armutsbekämpfung sehr in den Vordergrund gerückt. „Auf meine Frage nach dem bedingungslosen Grundeinkommen pflichtet mir Andor bei, dass alle Menschen eine gesunde Lebensgrundlage brauchen", berichtet Lange von diesem Gespräch.
Auf seinem Weg hatte der Pittenharter viele Begegnungen, die er als „sehr bewegend" schildert. Als er in Frankfurt die Spitze seines 'Langstocks verloren hatte und zunehmend verzweifelte, half ihm eine junge Frau, die ihn»vom Fenster aus beobachtet hatte. Und ein junges Paar, das er via Couchsurfing um ein Quartier angefragt hatte, begleitete ihn dreieinhalb Tage lang durch Holland und nach Belgien hinein. Auch hat er einige Menschen getroffen, die bereits das leben, was er „die neue Zeit" nennt - eine Familie, die sich konsequent selbst versorgt, eine Ärztin, die ihren Beruf aufgegeben hat und jetzt ihrer Berufung als Künstlerin folgt, oder einen Zahntechniker, der nun halbtags als Handwerker in einem Kinderheim und ansonsten als selbstständiger Allround-Handwerker arbeitet und so genügend Zeit für seine fünfköpfige Familie und seine Hobbys hat.
„Wenn wir uns die Probleme in der Welt anschauen, kommen wir sehr schnell darauf, dass sie fast alle mit dem Geld zusammenhängen" - für diese Thematik möchte Lange sensibilisieren. Denn, so ist seine Überzeugung: „Alles, was der Mensch braucht, um ein erfülltes Leben zu führen, besteht aus einem Dach über dem Kopf, das ihm einen gewissen Komfort bietet, regelmäßig ausreichend Nahrung, um am Leben zu bleiben und den Körper gesund zu erhalten -und vor allem gute Beziehungen."
Am kommenden Montag, 16. Juli, wird Stefan Nathan Lange ab 19.30 Uhr in seinem Biocafe in Oberbrunn bei Pittenhart von seiner Reise erzählen.
(Quelle: Trostberger Tagblatt, Samstag/Sonntag, 14./15. Juli 2012, Logales, Seite 19)