900 km ab Chiemgau - Blind und zu Fuß nach Brüssel (Bayern 2 Radio, 7. August 2012)

Ein Beitrag von Hans Hinterberger, 7.8.2012, Bayern 2 – Notizbuch.

Begleittext:

Nehmen wir mal an, Ihnen werden die Rettungsschirme langsam unsympathisch. Sie misstrauen der Sache? Sehen alles als Geschenk an die Banken? Sie hätten gute Lust mal in Brüssel ihre Meinung zu sagen? Würden Sie deswegen persönlich zu Fuß nach Brüssel laufen? Ganz allein, entlang teils stark befahrener Straßen. Wohl eher nicht… Stefan Lange aus Oberbrunn im Chiemgau aber, der hat das gemacht. Zu Fuß!
Schon eine große Leistung? Warten sie mal ab. Das Beste kommt erst noch: Stefan Lange ist blind. Er kann zwischen hell und dunkel ein wenig unterscheiden - mehr nicht. Auch Wandererfahrung oder besondere Sportlichkeit hatte er nicht. Etwas Vorbereitung der Route und die Anschaffung eines speziellen Navigationsgeräts, das ihm den Weg per Lautsprecher einsagt - und dann ging er einfach los. Er hat viel erlebt auf der Strecke. Eineinhalb Monate ging er mit Taststock und Blinden-Navi die Straßen entlang. Am Ende empfing ihn sogar der ungarische EU-Kommissar László Andor. Doch das war nur das Sahne-Häubchen angesichts der vielen Begegnungen unterwegs.

Transscript

Anmoderation:

Stefan Lange ist anders als der Globtrotter Gerhard Liebenberger kein Alleinreisender aus Überzeugung. Er hätte sich sogar sehr gefreut, wenn ihn auf der letzten Etappe seiner Reise nach Brüssel möglichst viele Menschen begleitet hätten – zu Fuß vom Chiemgau aus an den Sitz der Europäischen Kommission. Denn Stefan Langes Wanderschaft war ein Protestmarsch gegen die herrschenden Verhältnisse, gegen das Konkurrenzdenken und den Wettbewerb, für mehr Mit- und Füreinander. Der Wanderer hatte sich allerdings auch darauf eingestellt, bis zum Schluss allein zu gehen – obwohl er fast blind ist. Einerseits. Andererseits ist er Schamanischer Therapeut und setzt auf die Kraft des Willens. Hans Hinterberger hat Stefan Lange nach seinem Gewaltmarsch daheim im Chiemgau besucht.

Beitrag:

„Da habe ich nicht aufgepasst, ein Blumentopf! Ah ja, das ist mir oft passiert. Das hat auch einige Schrammen an den Schienbeinen mit sich gebracht.“
Da wär’ Stefan Lange fast gegen Nachbars Blumentopf gelaufen. Wir sind in Oberbrunn, einem kleinen Dorf mitten im Chiemgau. Hier betreibt Stefan Lange eine Schamanische Praxis.
Als ich ihn an seinem Haus abgeholt habe, um mit ihm etwas zu wandern, serviert er mir erst Kaffee und ich vergesse fast, dass er blind ist. Nun aber marschier ich mit ihm die Straße entlang. So, wie er seinen fast 900-Kilometer-Marsch nach Brüssel bestritten hat. Am Rand der Landstraße tastet er sich mit einem Blindenstock voran. An seiner Hüfte hat er einen Trolli befestigt, aus einem Lautsprecher auf seiner Schulter erklärt ihm das Navi, wo er abbiegen muss.
„Auf Seeoner Straße, Pittenhart. GPS bereit.“
„Sie haben ja sicher zu Hause viel trainiert, Sie werden ja auch so schon viel gewandert sein.“
„Nein, überhaupt nicht. Ich bin jemand, der viel am Computer sitzt und nicht viel rumläuft.“
„Sie sind einfach aufgstanden und gsagt: Jetzt wird nach Brüssel gwandert?“
„Ja, der Impuls kam von meiner Lebensgefährtin, die so vor Ostern gesagt hat, ob ich nicht mal losgehen will und den Politikern Bescheid sagen, über meine Erkenntnisse über die Weltlage – gerade, was mit Europa und ESM gerade los ist.“
Er geht also einfach so nach Brüssel. Lange spricht davon, dass man doch Politik für die Menschen, nicht für die Banken machen solle. Er spricht von der Euro-Diktatur des ESM. Er spricht von Bedingungslosem Grundeinkommen für Alle. Das Weltbild, das er in Brüssel vertreten wollte, erscheint mir radikal antikapitalistisch. Er ist immerhin so überzeugt davon, dass er diesen weiten Weg gehen konnte. Blind. Unda das auf teils stark befahrenen Straßen.
„Woher nehmen Sie den Mut, das zu machen? Also wenn ich mir vorstelle, dass ich mir die Augen verbinde und hier langspazier, das würd’ ich mich einfach nicht trauen.“
„Ja, ich bin ein sehr zuversichtlicher Mensch, immer schon gewesen. Und, hmm, Mut… Ich denke, dass ist ‚ne Aufgabe, ein Auftrag, ein innerer Auftrag gewesen.“
Die herrliche Landschaft des Alpenvorlands an diesem Sommertag sieht Stefan Lange nicht. Eine Erbkrankheit hat den 51jährigen vor etwa acht Jahren erblinden lassen. Er kann ungefähr hell und dunkel unterscheiden, mehr nicht. Bilder seiner Reise kann er gar nicht im Kopf haben. Er denkt eher an etwas anderes: An die vielen Begegnungen mit Menschen. An Helfer, die ihn ein Stück begleiteten, die ihm Unterkunft gaben. Nur dreimal brauchte er in den anderthalb Monaten ein Hotel.
„Immer wenn ich stehen geblieben bin - sei es, um das Navi abzufragen oder um Schweiß abzuwischen oder auch nur kurz zu verschnaufen und jemand in der Nähe war, kam jemand unf fragte, ob ich Hilfe brauch. Das hab’ ich also wirklich durchweg erlebt.“
Und schließlich hat er das Regierungsviertel der EU auch erreicht. Dort musste er feststellen, dass er in die hoch abgesicherten Gebäude der Kommission nicht einfach reinspazieren konnte. Er hatte sich ja auch erst kurz vor der Stadtgrenze ganz schlicht per Email bei den Kommissaren angemeldet.
„Es war von Anfang an klar: Ich komm da irgendwo rein. Da war ich ganz sicher, keinen Zweifel gehabt. Klingelts Handy, ruft die Assistentin des ungarischen Kommissars, der für Arbeit, soziale Angelegenheiten und Integration zuständig ist an. Sie möchte sich auf jeden Fall mit mir treffen, wann ich denn kommen könnte. Sag ich: In fünf Minuten, wir stehen schon vor der Tür! - Wir saßen also da, dann wurde sie rausgerufen von ner Kollegin, kam nach fünf Minuten wieder rein – freudestrahlend – und sagt (vorher war alles in Englisch) sagt sie auf deutsch: Es ist mir eine große Ehre ihenen mitteilen zu dürfen, dass der Herr Kommissar Zeit für Sie hat.“
Es blieb bei zehn Minuten Gespräch. Doch die haben Stefan Lange wirklich gefreut. Wir erreichen die nächste Ortschaft. Neben dem Respekt vor der Leistung des langen Marsches beginne ich mich zu fragen, ob Lange denn die Ziele seiner Reise denn erfüllt sieht. Klar, er konnte den Kommissar sprechen. Doch was hat das denn für ihn bewirkt?
„Also mir hat es gebracht – das wird mir so in den letzten Tagen reflektiert von Menschen, die mich jetzt wiedersehen: Ich gehe offensichtlich aufrechter. Und das ist für mich so mein persönliches Fazit: Es hat mich in meiner Zuversicht, meiner Zielstrebigkeit nochmal gestärkt. Ich denke, das ist auch die Wirkung, die es auf viele Menschen gehabt hat: Zu erkennen, dass wir doch zu viel mehr in der Lage sind, als wir denken.“