
Datum: Mittwoch, 20. Juni 2012
Route: Flamersheim → Zülpich → Vettweiß → Düren
Strecke: 37 km, davon 21 gelaufen
Im Buch: Kapitel 10, Seite 67
Zülpich hat eine lange Geschichte: Schon zur Römerzeit war der Ort als „Tolbiacum“ ein bedeutender Standort. Später wurde er durch die Schlacht von Zülpich bekannt, in der sich fränkische Machtverhältnisse entschieden.
Heute zeigt sich hier eine andere Form von Bedeutung – weniger sichtbar, aber umso aktueller. Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal wurden in Zülpich Bürgerworkshops durchgeführt, um den Hochwasserschutz gemeinsam neu zu denken. Ein bemerkenswerter Ansatz: Nicht nur Verwaltungen planen, sondern auch die Menschen vor Ort bringen ihre Erfahrungen und Perspektiven ein. Damit berührt der Ort ein Thema, das weit darüber hinausgeht. Wie gehen wir mit Risiken um, die immer weniger kalkulierbar werden?
Hochwasser ist eines davon – ein mögliches großflächiges Stromausfall-Szenario ein anderes. Mit der zunehmenden Umstellung der Energieversorgung wird das Stromsystem komplexer. Die Balance zwischen Erzeugung und Verbrauch erfordert immer häufiger Eingriffe. Damit wächst auch die Bedeutung von Vorsorge und regionaler Krisenfestigkeit – Themen, die bisher oft unterschätzt werden.
Während einige Städte beginnen, sich systematisch auf solche Situationen vorzubereiten, fehlt dieses Bewusstsein vielerorts noch.
Zülpich steht damit beispielhaft für einen möglichen Richtungswechsel: weg von rein zentralen Lösungen – hin zu mehr Verantwortung und Mitwirkung auf regionaler Ebene.
Mit Düren erreichte ich eine Stadt, die auf ganz eigene Weise von Brüchen geprägt ist.
Kaiser Karl V. ließ im dritten Geldrischen Erbfolgekrieg 1543 die Stadt Düren erstürmen, plündern und in Brand setzen.
Im Dreißigjährigen Krieg wurde sie 1642 von hessischen Truppen zerstört und verwüstet.
Ende 1755 begann rund um Düren und Aachen eine Serie von Erdbeben, die am 18. Februar 1756 bei Düren ihren Höhepunkt mit einem Beben der Stärke 8 nach der Mercalliskala (dies entspricht in etwa 6,5 der Richterskala) erreichte und das stärkste bis dahin bekannte Erdbeben in Deutschland war. Abgesehen von großen Rissen in der Stadtmauer ging es für Düren jedoch verhältnismäßig glimpflich aus.
Im Zweiten Weltkrieg wurde Düren erneut nahezu vollständig zerstört. Beim Wiederaufbau entstand eine Stadt, die weniger aus gewachsenen Strukturen besteht als aus funktionalen Lösungen. Breite Straßen, klare Linien – vieles wirkt geplant, aber wenig historisch verwurzelt.
Das Wirtschaftsleben im Dürener Raum wurde bereits seit dem 16. Jahrhundert durch die Papiererzeugung, das mit dem Gewandhaus verbundene Textilgewerbe (Tuchmacher) und die Metallverarbeitung bestimmt. Die Papier- und Textilproduktion wurden dabei durch das außergewöhnlich weiche Wasser der Rur begünstigt.
Auch heute prägt der Fluss die Stadt weiter, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch als natürlicher Faktor, der immer wieder Aufmerksamkeit verlangt.
So steht Düren für einen Übergang: von gewachsenen Landschaften zu gestalteten Strukturen, von Geschichte zu Neuordnung – und von der Frage, was bleibt, wenn ein Ort nahezu von Grund auf neu entstehen muss.
Da war es schon bemerkenswert, dass meine Gastgeber in einem alten Stadthaus aus dem Jahr 1904 wohnten.
Neben seiner Geschichte und industriellen Prägung zeigt Düren auch eine ganz andere, überraschende Seite.
Ein Beispiel dafür ist die Weltmeisterschaft im Kirschkernweitspucken, die seit 1974 jährlich im Rahmen der Annakirmes stattfindet. Dieser skurrile Wettbewerb hat längst Kultstatus erreicht. Teilnehmende aus verschiedenen Regionen treten gegeneinander an, um einen Kirschkern ohne Hilfsmittel möglichst weit über eine schmale Bahn zu spucken. Auch 2012, als ich hier unterwegs war, wurde wieder ein Weltmeister gekürt.