Etappe 28: Euskirchen → Düren

Schloss Burgau in Düren mit Wassergraben und historischer Anlage

Datum: Mittwoch, 20. Juni 2012
Route: Flamersheim → Zülpich → Vettweiß → Düren
Strecke: 37 km, davon 21 gelaufen
Im Buch: Kapitel 10, Seite 67


Da die Strecke von Flamersheim nach Düren rund 37 km beträgt, brachte mich Claus nach Zülpich. Dort traf ich mich mit Jule, die einen Artikel für die Stolberger Nachrichten schreiben wollte. Sie begleitete mich bis zum Beginn des Radwanderweges Richtung Vettweiß. Ja, richtig gelesen: Der Ort heißt tatsächlich fast genauso, wie mein Gastgeber. Der Ursprung des Ortsnamens lässt sich wahrscheinlich auf „fette Wiese“ zurückführen – ein Hinweis auf fruchtbares Land und landwirtschaftliche Nutzung.
Im Ortsteil Füssenich gingen wir eine ganze Weile auf der Brüsseler Straße – ein Hinweis darauf, dass ich meinem Ziel immer näher kam.
Auf dem Radweg kam ich gut voran, bis auf ein unwegsames Stück vor Vettweiß. Hinter dem Ort ging der geteerte Radweg weiter. Doch plötzlich endete er mitten in einem Getreidefeld! Zum Glück half mir eine junge Frau wieder heraus, deren Kinder mich „in Opas Feld“ hatten stehen sehen. Sie brachte mich zurück auf den Radweg, der mit einem kleinen Versatz zu einer Brücke über die Bundesstraße führte.
Als ich schließlich die Brücke überquert hatte, stellte sich eine tiefe Erleichterung ein. Der Weg war wieder klar – und einmal mehr wurde mir bewusst, wie schmal der Grat zwischen Orientierung und Verirren sein kann.
Auf den letzten Kilometern begleitete mich meine Gastgeberin Beatrix, während ihr Mann freundlicherweise mein Gepäck mit dem Auto mitnahm.
Da ich für Stolberg keinen Übernachtungsplatz hatte, blieb ich einen Tag länger in Düren und kümmerte mich um die Detailplanung für die Route von Aachen nach Brüssel.
 

An der Route

Zülpich – Verantwortung vor Ort

Zülpich hat eine lange Geschichte: Schon zur Römerzeit war der Ort als „Tolbiacum“ ein bedeutender Standort. Später wurde er durch die Schlacht von Zülpich bekannt, in der sich fränkische Machtverhältnisse entschieden.
Heute zeigt sich hier eine andere Form von Bedeutung – weniger sichtbar, aber umso aktueller. Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal wurden in Zülpich Bürgerworkshops durchgeführt, um den Hochwasserschutz gemeinsam neu zu denken. Ein bemerkenswerter Ansatz: Nicht nur Verwaltungen planen, sondern auch die Menschen vor Ort bringen ihre Erfahrungen und Perspektiven ein. Damit berührt der Ort ein Thema, das weit darüber hinausgeht. Wie gehen wir mit Risiken um, die immer weniger kalkulierbar werden?
Hochwasser ist eines davon – ein mögliches großflächiges Stromausfall-Szenario ein anderes. Mit der zunehmenden Umstellung der Energieversorgung wird das Stromsystem komplexer. Die Balance zwischen Erzeugung und Verbrauch erfordert immer häufiger Eingriffe. Damit wächst auch die Bedeutung von Vorsorge und regionaler Krisenfestigkeit – Themen, die bisher oft unterschätzt werden.
Während einige Städte beginnen, sich systematisch auf solche Situationen vorzubereiten, fehlt dieses Bewusstsein vielerorts noch.
Zülpich steht damit beispielhaft für einen möglichen Richtungswechsel: weg von rein zentralen Lösungen – hin zu mehr Verantwortung und Mitwirkung auf regionaler Ebene.
 

Düren – Zerstörung und Neubeginn

Mit Düren erreichte ich eine Stadt, die auf ganz eigene Weise von Brüchen geprägt ist.
Kaiser Karl V. ließ im dritten Geldrischen Erbfolgekrieg 1543 die Stadt Düren erstürmen, plündern und in Brand setzen.
Im Dreißigjährigen Krieg wurde sie 1642 von hessischen Truppen zerstört und verwüstet.
Ende 1755 begann rund um Düren und Aachen eine Serie von Erdbeben, die am 18. Februar 1756 bei Düren ihren Höhepunkt mit einem Beben der Stärke 8 nach der Mercalliskala (dies entspricht in etwa 6,5 der Richterskala) erreichte und das stärkste bis dahin bekannte Erdbeben in Deutschland war. Abgesehen von großen Rissen in der Stadtmauer ging es für Düren jedoch verhältnismäßig glimpflich aus.
Im Zweiten Weltkrieg wurde Düren erneut nahezu vollständig zerstört. Beim Wiederaufbau entstand eine Stadt, die weniger aus gewachsenen Strukturen besteht als aus funktionalen Lösungen. Breite Straßen, klare Linien – vieles wirkt geplant, aber wenig historisch verwurzelt.
Das Wirtschaftsleben im Dürener Raum wurde bereits seit dem 16. Jahrhundert durch die Papiererzeugung, das mit dem Gewandhaus verbundene Textilgewerbe (Tuchmacher) und die Metallverarbeitung bestimmt. Die Papier- und Textilproduktion wurden dabei durch das außergewöhnlich weiche Wasser der Rur begünstigt.
Auch heute prägt der Fluss die Stadt weiter, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch als natürlicher Faktor, der immer wieder Aufmerksamkeit verlangt.
So steht Düren für einen Übergang: von gewachsenen Landschaften zu gestalteten Strukturen, von Geschichte zu Neuordnung – und von der Frage, was bleibt, wenn ein Ort nahezu von Grund auf neu entstehen muss.
Da war es schon bemerkenswert, dass meine Gastgeber in einem alten Stadthaus aus dem Jahr 1904 wohnten.
 

Zwischen Tradition und Zukunft

Neben seiner Geschichte und industriellen Prägung zeigt Düren auch eine ganz andere, überraschende Seite.
Ein Beispiel dafür ist die Weltmeisterschaft im Kirschkernweitspucken, die seit 1974 jährlich im Rahmen der Annakirmes stattfindet. Dieser skurrile Wettbewerb hat längst Kultstatus erreicht. Teilnehmende aus verschiedenen Regionen treten gegeneinander an, um einen Kirschkern ohne Hilfsmittel möglichst weit über eine schmale Bahn zu spucken. Auch 2012, als ich hier unterwegs war, wurde wieder ein Weltmeister gekürt.

  Und dann: Realität aus. Abenteuer an. Mit der Holo Games VR World eröffnet sich in Düren eine ganz andere Dimension der Freizeitgestaltung. Moderne VR-Technologie ermöglicht es, sich frei in computergenerierten Umgebungen zu bewegen, gemeinsam Abenteuer zu erleben oder in Simulationen völlig neue Erfahrungen zu machen. Und wenn man aus dieser Welt wieder auftaucht, kann man am Billardtisch, dem Kicker oder der Dart-Scheibe probieren, ob die Muskelkoordination noch funktioniert…